Im Züripiet dihei

Die Gelähmtheit überwinden

Die Texte zum Weltgebetstag vom 6. März kommen dieses Jahr aus Zimbabwe. Katharina Morello hat in diesem Land gelebt – dabei hat sich ihr Afrikabild grundlegend verändert. 

forum: Wenn Sie heute an Ihre Zeit in Zimbabwe denken: welcher Eindruck ist Ihnen geblieben?
Katharina Morello: Die Menschen haben ein unglaubliches Talent, trotz widrigster Bedingungen einen Weg für sich und ihre Familien zu finden. Wie die Frau, die einige Haarklammern geschenkt bekam und diese so geschickt verkaufte, dass sie zum Schluss eine kleine Hühnerfarm hatte, die ihr ein Auskommen gab. Das hat mich so beeindruckt, dass ich später mit einem Buch diesen Frauen eine Stimme geben wollte. Ihre Stärke, ihr Humor, ihre Beharrlichkeit, wie sie aus dem Nichts heraus etwas aufbauen können, ist aussergewöhnlich.

Hat das Ihr Bild von Afrika verändert?
Dort wurde mir klar, wie lebenstüchtig und erfinderisch viele Leute sind. Wenn ich heute gewisse Vorurteile gegenüber Afrika höre, scheinen sie mir absurd. Ich habe auch viel systemische Ungerechtigkeit gesehen, die Machtverteilung ist einseitig und oft willkürlich. Dadurch werden die Anstrengungen der Menschen immer wieder zunichtegemacht.

Eben doch: Die Entwicklung wird durch das korrupte System gebremst?
Es hat viele Gründe: da gehört die Kolonialisierung und die willkürliche Grenzziehung bei der Staatenbildung ebenso dazu wie die wirtschaftliche Ausbeutung durch global aktive Konzerne und die lokale Regierungsclique heute. Wir im Westen haben seit der Französischen Revolution unsere Demokratien entwickelt und aufgebaut, in Afrika sollten sie von null auf hundert funktionieren…

Was sagt uns die Liturgie zum Weltgebetstag der Frauen aus Zimbabwe?
Ich finde dieses Bild enorm: Da liegt einer 38 Jahre lang gelähmt am Teich Bethesda, in dem viele Kranke geheilt werden. Er hat aber niemanden, der ihn zum Wasser trägt. Und auf die Frage Jesu: Willst du gesund werden? antwortet er nicht: Ja! Sondern: ich habe ja niemanden, der mir hilft.
Als die Frauen an dieser Liturgie arbeiteten, waren es genau 38 Jahre seit der Unabhängigkeit Zimbabwes (1980). Zu Beginn herrschte eine grosse Aufbruchstimmung, die aber schon bald in Resignation umschlug, da es den Leuten wirtschaftlich nicht besser ging. Die Situation des ganzen Landes entspricht dem Gelähmten am Teich Bethesda, der nicht auf die Beine kommt.

Das tönt recht hoffnungslos …
Die Frauen in Zimbabwe interpretieren anders: Sie sagen zu sich selber und zu ihrem Land: «Hör auf, dich hinter deinen Ausreden zu verstecken. Wir sind zwar Opfer, aber es hilft nicht, das als Ausrede zu nehmen. Jesus fragt ja: willst du gesund werden? Dieser Ruf von Jesus gilt uns: Steh auf, nimm deine Matte und geh deinen Weg! (vgl. Joh 5,8).» Die Frauen lassen sich nicht unterkriegen. Sie nehmen ihr Leben in die Hand, stehen auf, handeln und vertrauen gleichzeitig, dass jederzeit auch Wunder geschehen können. Während unserer Zeit in Zimbabwe haben wir das übrigens oft erlebt: es passieren wirklich Wunder – viel Unerwartetes wurde möglich. Als ich eine der Frauen besuchte, hing an der Wand eine Decke, auf der stand: «With God everything is possible.»

Religion nicht als Beruhigungsmittel, sondern als Anstoss zum Handeln…
Genau, Religion macht dort alles andere als passiv. Ich habe oft gedacht, wenn der fehlende Regen die Ernte zerstört oder der Preis des Tabaks derart sinkt, dass der Bauer das Schulgeld für seine Kinder nicht mehr aufbringen kann, wird man doch völlig mutlos. Aber die Leute essen einmal weniger am Tag, finden eine neue Möglichkeit, einen neuen Weg zum Überleben. Sie haben eine grosse Hoffnung: Es ist nichts umsonst. Gott ist mit uns.

Und hier bei uns? Wir leben in einer total anderen Welt.
Wir müssen auf der ganzen Welt gegen diese Lähmung, gegen das Gefühl der Ohnmacht ankämpfen. Wenn wir an die vielen ungelösten Probleme in der Welt denken, könnten wir verzweifeln. Was heisst für uns: Steh auf, nimm deine Matte und geh deinen Weg? Lass dich nicht unterkriegen vom Gefühl, es ist unmöglich. Bleib dran, orientiere dich an dem, was möglich ist. Wenn wir etwas versuchen, haben wir zumindest die Chance, dass sich daraus etwas entwickelt. Wer die Angel nicht auswirft, fängt auch keinen Fisch.

Und welche Bedeutung hat in diesem Kontext der Weltgebetstag?
Das Besondere ist das weltumspannende Gebet, 24 Stunden lang. Das hat etwas Magisches an sich. Ich habe mit Frauen in Zimbabwe geredet, die an einem Entwicklungsprojekt teilnahmen, wo zum Schluss nur die Hälfte des Materials ankam, das gebraucht worden wäre für das Projekt. Sie sagten nun nicht: das war für nichts. Sondern: also machen wir den Garten halt halb so gross. Und vor allem sagten sie mir: Was uns hilft, ist zu spüren, dass irgendwo auf der Welt jemand an uns denkt. Mir wurde bewusst, dass Projekte manchmal misslingen können, doch sie sind auch mit einer Übertragung von Kraft verbunden. Der Weltgebetstag ist so ein Schub an Energie, der dieses Jahr nach Zimbabwe fliesst. Damit werden sie dort viel erreichen. Das dürfen wir nicht unterschätzen.

Sie sind in Horgen im ökumenischen Komitee, das den Weltgebetstag vorbereitet.
Ich freue mich riesig, dass dieses Jahr Zimbabwe im Mittelpunkt steht, wo ich 2001 bis 2002 lebte. Der Weltgebetstag ist eine tolle Möglichkeit, ökumenisch etwas auf die Beine zu stellen, ich erlebe in dieser Gruppe sehr offene, interessierte Frauen. Einmal im Jahr machen wir mit allen, die jemals für einen Weltgebetstag mitgearbeitet haben, einen Schiffsausflug oder gehen essen, wir sind eine richtig gute Truppe, die zusammenhält.

Text: Beatrix Ledergerber

Angebot laufend

Weltgebetstagsfeier aus Zimbabwe

Aus Zimbabwe, der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien, kommt die Weltgebetstagsfeier 2020. Die Verfasserinnen schreiben zum Thema «Steh auf, nimm deine Matte und geh deinen Weg!» (nach Joh 5,8) eine Liturgie vor dem Hintergrund der Geschichte ihres Landes. Nach 37 Jahren Schreckensherrschaft unter Robert Mugabe gab es 2018 demokratische Wahlen. Auch wenn die Situation unter dem neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa nicht wesentlich besser ist als vorher, bedeuteten die Wahlen einen Aufbruch. Junge Menschen, die zum ersten Mal wählten, suchen einen Weg des Friedens und der Versöhnung. Sie werden unterstützt durch die Kirchen, die die Friedenserziehung fördern wollen.

Zeit und Ort der Weltgebetstagsfeiern vom 6. März finden Sie auf Ihrer Pfarreiseite im forum. 

Angebot laufend

Katharina Morello

«Sie tragen die Welt auf dem Kopf»,

Peter Hammer Verlag, 2. Auflage. 150 Seiten

ISBN: 978-3-7795-0176-3

Angebot laufend

Frauenforum. Evangelische Zeitschrift: «Zimbabwe», September 2019. Fr. 7.– zuzügl. Versand. www.zeitschrift-frauenforum.ch