Gleichnisse heute

Licht sein

Das Tageslicht wird oft als Symbol für Gott benutzt, weil es überall zugleich ist. 

Es ist nicht greifbar, aber im Licht einer Kerze verdichtet es sich und wird für uns Menschen spürbar. So spricht auch Jesus: Ich bin das Licht der Welt – ihr seid das Licht der Welt. Diese beiden Sätze gehören zusammen. Dass Jesus das Licht der Welt sein soll, ist uns geläufig. Jesus sagt dies, weil er es an sich selbst erfahren hat und möchte, dass auch wir erfahren, dass wir Licht sind. Licht sein meint, dass Gott in ihm lebt und durch ihn da ist, für die Menschen. Das Gleiche gilt für jeden anderen Menschen auch: In jedem Menschen manifestiert sich Gottes Leben, in jedem und jeder Einzelnen ist er da, immer und in jedem Augenblick.

Das ist für Jesus der Sinn unseres Lebens: dass wir leuchten. «Man zündet nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäss darüber ...» Das Licht Gottes kann nicht anders, als leuchten. Aber es wird doch immer wieder verdeckt von einem Gefäss. Dieses Gefäss ist unsere Ich-Bezogenheit.

Viele Menschen halten sich für nicht gut genug, zweifeln an ihrem Selbstwert und daran, dass sie wirksam sein können, so wie sie sind.  Andere wiederum sind vom Gegenteil überzeugt: Sie zeigen sich gerne und auf vielen Schauplätzen als die ganz besonders Begabten, Feinfühligen, Intelligenten – man könnte es mit dem «Leuchten» verwechseln. Aber in Wahrheit geht es auch diesem Typ nur um ihn selbst, nicht um das Licht der Welt. Jeder und jede von uns hat seinen Charakter, seine besonderen Überzeugungen, seine Begabungen und seine Schwächen.

Um dieses Ich kreisen wir doch die meiste Zeit, wenn nicht sogar ständig. Ich glaube nicht, dass Jesus dieses Ich gemeint hat, wenn er sagte «Ich bin das Licht der Welt, ihr seid das Licht der Welt.» – Weder sein eigenes Ich noch das seiner Zuhörenden, noch unseres. Wenn wir aufhören, unsere Konzentration nur auf uns selbst – unsere Selbstzweifel oder die Selbstdarstellung – zu richten und uns stattdessen etwas mehr dem Leben hingeben, so wie es uns an diesem Tag, in diesen Menschen, in dieser Aufgabe, in diesen Sorgen, in dieser Angst, in dieser Umarmung gerade begegnet, dann könnte etwas vom Licht, das wir im Tiefsten sind, für andere sichtbar und spürbar werden.

Das geschieht ohne unser aktives Tun und jenseits unseres Willens, es passiert, wenn wir selbst wach, aufmerksam, lauschend, einfach da sind. Nur so sind wir Licht für die anderen, «für alle im Haus».

Text: Maria Kolek Braun, Seelsorgerin Psychiatrie