Gott und die Welt

Geteilte Zustimmung

Bischof Erwin Kräutler war massgeblich an der Amazonas-Synode und deren Vorbereitung beteiligt. Er begrüsst einen grossen Teil des nachsynodalen Schreibens von Papst Franziskus – ist aber enttäuscht über fehlende Reformen beim Zölibat und der Frauenfrage.

«Querida Amazonia» wurde am 12. Februar veröffentlicht. Sind Sie zufrieden damit?
Erwin Kräutler: Ich bin sehr zufrieden mit drei Visionen – mit der vierten Vision allerdings nur zur Hälfte. Den Inhalt der apostolischen Ex-hortation finde ich dort ausgezeichnet, wo es um die soziale, die kulturelle und die ökologische Vision geht. Der Heilige Vater hat dort sehr starke Begriffe verwendet. So wie «Ungerechtigkeit und Verbrechen», mit denen er die wirtschaftlichen Aktivitäten umschreibt, seien es nationale oder internationale, die Amazonien zerstören und die Rechte der einheimischen Völker missachten. Von grosser Bedeutung ist auch der erste Teil der kirchlichen Vision, wo der Papst von der Inkulturation der Liturgie spricht.

Was ist mit der zweiten Hälfte der kirchlichen Vision?
Ich finde, die vierte Vision bricht in der Mitte ab. Beim Lesen nahm ich plötzlich einen Bruch wahr, einen Übergang von einem Traum zu einer sehr pragmatischen Sichtweise. Der Papst erinnert zunächst an die Notwendigkeit, die Eucharistie in den Gemeinden zu feiern, auch in den ganz entlegenen. Dabei bezieht er sich sogar auf einen Text des Zweiten Vatikanischen Konzils, wonach eine christliche Gemeinschaft erst entsteht, wenn sie sich am Altar versammelt. Deshalb müssten Wege gefunden werden, damit alle Gemeinden in Amazonien Zugang zur Eucharistie haben. An der Stelle aber hört der Traum auf. Es folgen sehr pragmatische, sehr normative Erklärungen. Viele, darunter auch ich, finden diesen Teil des Schreibens sehr merkwürdig, denn er geht mit einem Wechsel des Stils einher.

Das päpstliche Schreiben nimmt das Votum der Synodenteilnehmer nicht auf, in Ausnahmefällen verheiratete Ständige Diakone zu Priestern  zu weihen, um dem Priestermangel zu begegnen. Sind Sie überrascht oder enttäuscht?
«Enttäuscht» würde ich nicht sagen. Aber es gibt viele Leute wie mich, die perplex sind und nicht verstehen, warum diese Massnahme nicht in das päpstliche Schreiben aufgenommen wurde. Ich finde es sehr seltsam, dass es in dem Text keinerlei Anspielung darauf gibt, obschon sich mehr als zwei Drittel der Bischöfe dafür ausgesprochen haben.
Vielleicht hat die Synode dazu gedient, die Debatte über dieses Thema zu lancieren. Denn im Grunde gingen wir nicht davon aus, dass der Papst dem sofort zustimmen würde. Und zwar, weil wir zuerst zu einer Vereinbarung gelangen müssen, die von der katholischen Kirche auf der ganzen Welt akzeptiert wird.

Denken Sie, dass der Papst Druckversuchen ausgesetzt war?
Ich kann nicht bestätigen, dass er Druckversuchen ausgesetzt war oder sich von solchen beeinflussen liess. Ich bin aber überzeugt, dass es viele Interventionen gab, die darauf abzielten, das Thema «viri probati» (Priesterweihe von verheirateten Diakonen) aussen vor zu lassen. Etwas Wichtiges sollte man jedoch nicht vergessen: Der Papst hatte nach der Synode die Schlussfolgerungen der Synodenväter umgehend veröffentlicht und dabei gesagt, «Querida Amazonia» würde nicht an deren Stelle treten.

Papst Franziskus schlägt vor, Gruppen von Wandermissionaren im Amazonasgebiet einzusetzen. Was halten Sie davon?
Es gab bereits zahlreiche Versuche, solche Gruppen zu bilden. Ohne grossen Erfolg, ehrlich gesagt. Was den Gemeinschaften fehlt, ist die Gegenwart des Priesters. Heute besuchen die Priester entlegene Gemeinschaften zwei bis drei Mal jährlich. Darin liegt der grosse Unterschied zu den protestantischen Pastoren, die in und mit der Gemeinde leben.
Nun hat das Volk das Recht, jeden Sonntag Eucharistie zu feiern. Man kann die Frage des Zölibats nicht höher gewichten als die Feier der Eucharistie! Passiert etwas Wichtiges oder Schlimmes in den Gemeinschaften, sind wir nie vor Ort. Die Eucharistie wird zu etwas Ausser-gewöhnlichem.

Der Papst schreibt, es bräuchte viel mehr Ständige Diakone in Amazonien und Ordensfrauen und Laien sollten mehr Verantwortung erhalten.

Es sind die Laien, die schon heute die Kirche Amazoniens stützen. Es gibt Gemeinden, die über genügend Diakone verfügen. Bleibt das Problem, dass sie der Messe nicht vorstehen dürfen. Ausser der Taufe dürfen sie keine Sakramente spenden. Sie predigen, leiten die Gemeinschaft. Der Diakon hat eher eine soziale Funktion, seine kirchlichen Kompetenzen sind beschränkt.

In «Querida Amazonia» schliesst der Papst die  Tür zur Diakoninnenweihe. Dies würde auf eine
«Klerikalisierung der Frauen» hinauslaufen, sagt er.

Dies ist ein strategischer Fehler. Indem die Rolle der Frauen im Papstschreiben keine wirkliche Wertschätzung erfährt, wurde eine Chance vertan. Das beunruhigt uns, denn in mindestens
70 Prozent der Gemeinden im Amazonasgebiet sind Frauen dafür verantwortlich, dass die Kirche ordnungsgemäss funktioniert. Der Papst erwähnt zumindest die Möglichkeit, Ämter für Frauen zu schaffen, die keine Ordination erfordern.
Um ehrlich zu sein, ich weiss nicht, wie ich das den Gläubigen erklären soll. Ich habe wirklich grössere Fortschritte bei diesem Thema erwartet, denn es ist eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Das Problem ist, wenn wir im Amazonasgebiet von «Ämtern» sprechen, kehren wir zu den Modellen der Vergangenheit zurück. Wir hatten gehofft, diese Synode würde es ermöglichen, Strukturen tiefgehend zu hinterfragen, um sie zu verändern. Wir können nicht mit Strukturen fortfahren, die aus früheren Jahrhunderten stammen. Die Welt verändert sich, und in gewissen Punkten muss sich auch die Kirche verändern.

Auf kultureller Ebene fordert Franziskus einen grösseren Respekt vor den traditionellen Religionen und ihren Ritualen, jedoch immer mit Blick auf die Evangelisierung. Wie denken Sie darüber?
Die Evangelisierung besteht nicht nur in der Verkündigung des Wortes. Es gibt vier Dimen-sionen. Die erste ist in der Tat die Verkündigung. Die zweite ist das Zeugnis. Die dritte ist der Dienst am Nächsten, die Diakonie. Die letzte Dimension schliesslich ist der Dialog, insbesondere mit den indigenen Völkern. Im Namen des Evangeliums und unseres Glaubens müssen wir für das kulturelle und physische Überleben dieser Völker kämpfen.

Der Papst fordert auch eine Überarbeitung von Struktur und Inhalt der Ausbildung für den Dialog mit den Kulturen des Amazonas.

Zunächst einmal ist es notwendig, diesen indigenen Völkern näherzukommen, um sie zu entdecken, und nicht mit einem Gefühl der Überlegenheit an sie heranzutreten. Wir sind nicht diejenigen, die die Wahrheit zu den Völkern bringen, als lebten diese in Unwissenheit. Sie haben ihre eigene Zivilisation. Auch sie machen Erfahrungen der Transzendenz. Einige dieser Völker sind christianisiert. Diese haben ihre
eigenen Überzeugungen und ihren kulturellen Hintergrund bereits mit dem Evangelium in Einklang gebracht.

Wie wird das nachsynodale Schreiben in den Diözesen des brasilianischen Amazonasgebietes in die Praxis umgesetzt?
Die Umsetzung hat bereits begonnen, es haben Treffen und Versammlungen stattgefunden. Wir dürfen die ersten drei Visionen im Schreiben von Papst Franziskus nicht vergessen, trotz der unterschiedlichen Wahrnehmung der kirchlichen Vision. Wir werden die Treffen intensivieren, um die vom Papst skizzierten Themen zu verbreiten. Wir werden dieses Apostolische Schreiben noch einmal lesen und meditieren. Und das immer zusammen mit dem Schlussdokument der Synode.

Text: Interview: Jean-Claude Gérez, cath.ch / Übersetzung: kath.ch