Narrenschiff

Klartext-Jesus

Manchmal erscheint mir Theologie wie eine gross angelegte Vernebelungsaktion.

Was im Evangelium noch klar verständlich ist, wird dank hartnäckigen theologischen Interpretationsversuchen und Differenzierungsmassnahmen immer undurchschaubarer und unverständlicher.

Nehmen wir zur Probe das Jesuswort «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Spontan könnten wir auf die Idee kommen, wir hätten begriffen, was uns Jesus damit sagen will.

Dann aber schaltet sich die Theologie ein und überführt den allgemein verständlichen Merksatz in einen komplizierten Fachbegriff. Von nun an geht es um «Realpräsenz». Und schon hat man zumindest die akademisch gebildeten Kreise von den ungebildeten geschieden.

Als nächstes wird der Kontext ausgebaut. Nun hängt auch noch die Ämter-frage dran. – Dazu gilt es die liturgische Dimension zu berücksichtigen. – Ebenfalls fundamental wichtig: Mann oder Frau? – Und wäre es nicht sträflich naiv, die Sündhaftigkeit des Menschen ausgerechnet in diesem Zusammenhang auszuklammern?

Spätestens jetzt ist das Ganze so komplex geworden, dass man Herrgott Sakrament nochmal für dogmatische Klarheit sorgen muss.

Schritt für Schritt wird so ein Hebelarm konstruiert, mit dem sich ganze Kirchen aus den Angeln heben und spalten lassen. Nun endlich kann man sich zwei Jahrtausende lang darüber streiten, wer was wo mit wem darf. Irgendwann ist unser Geist dann dermassen vernebelt, dass es als Gotteslästerung gilt, wenn jemand sich dreist hinstellt und frei heraus sagt: «Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist Jesus mitten unter ihnen.»

Jesus selbst war nicht Theologe. Das merkt man all seinen Worten überdeutlich an. Diese Direktheit, diese Verständlichkeit, diese Klarheit. So kann nur ein theologischer Naivling sprechen. Höhepunkt dieser gottsträflichen Leichtfertigkeit ist die Bergpredigt. Da preist Jesus im Stakkato all jene, deren Leben noch nie eine Erfolgsstory geschrieben hat. Er fordert zur Feindes-liebe auf. Zur radikalen Gewaltlosigkeit. Und verurteilt rigoros den Ehebruch.

Wenn Jesus direkt zu uns spricht, bleiben wenig Ausflüchte. Dann wirds richtig fordernd. Am liebsten würden wir ihn runterhandeln, aber wer wagt das schon beim Gottessohn. Also flüchten wir in die Interpretation. Und wir interpretieren und differenzieren so lange, bis der Klartext verschwunden ist. Am Ende können wir seelenruhig behaupten, Jesus habe das alles nie so gemeint, wie er es gesagt hat.

Text: Thomas Binotto