Gleichnisse aktuell

Problemlos oder schlaflos

Eine wachsende Zahl von Menschen soll mit Schlafproblemen zu kämpfen haben.

Die Ursachen sind schnell gefunden: Da ist einmal der alltägliche Stress in einer Welt, die auf Leistung und Schnelligkeit getrimmt ist. Dazu kommt die sprichwörtlich gewordene 24-Stunden-Gesellschaft, die einem nicht einmal nachts eine Verschnaufpause gönnt: Ich könnte ja wirklich etwas verpassen an neuesten News und Aktualitäten. Gewiss, es gibt auch Lebenssituationen, die schlaflose Nächte verursachen können. Ein kleines Kind beispielsweise, das nicht nur tagsüber den Ton angibt, eine lärmige Strasse, die kein offenes Schlafzimmerfenster erlaubt, bis hin zu lauten Nachbarn, die öfters nächtliche Partys feiern. Mit all dem ist die heutige Schlaflosigkeit aber noch nicht genügend erklärt und erfasst.

Meine Vermutung, die sich auf das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat stützt: Schlaf setzt ein Minimum an Vertrauen voraus, dass sich die Welt weiterdreht, auch wenn ich mich im Bett umdrehe und die Augen schliesse. «Dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiss nicht, wie», heisst es im Lukasevangelium, Kapitel 4, Vers 27. Da liegt das Problem: Wir wollen alles wissen, und es kann doch nicht sein, dass sich etwas bewegt, auch wenn ich mich nicht bewege! Schlaflosigkeit hat mit Angst vor (männlichem) Kontrollverlust zu tun: dass da etwas heranwächst und gedeiht, ohne mein Zutun – das verträgt sich schlecht mit meinem Ego und zeugt überhaupt nicht von einem selbstbestimmten Leben.

Mich bewegt schon länger das Bild vom schlafenden Jesus mitten im Seesturm – während seine Jünger und Jüngerinnen im Boot fast vergehen vor Angst, schreien und ihn schliesslich wecken. Mit seinem Aufstehen legt sich die grosse Aufregung und sie erreichen glücklich das andere Ufer. Diese Geschichte verstehe ich übrigens nicht als Einladung zu einem vertrauensseligen Nichtstun und Augenverschliessen vor anstehenden Problemen und Aufgaben, die anzupacken wären. Ausgeschlafen und vertrauensvoll lassen sie sich aber bestimmt besser anpacken.

Doch bitte nicht so, wie es eine mögliche «Digitalisierung der Landwirtschaft» vorsieht, auf die uns die diesjährige Fastenopferaktion aufmerksam macht. Dabei handelt es sich um eine Art «Präzisionslandwirtschaft», welche hauptsächlich von Maschinen gesteuert wird. Eine solche Vision könnte einem dann wirklich den Schlaf rauben. Ja, das Saatgut gehört in Bauernhände und in den Boden des Vertrauens.

Text: Stefan Staubli, Pfarrer Winterthur