Gleichnisse aktuell

Alter und neuer Wein

Dieses Gleichnis, das Jesus erzählt, ist heute genauso aktuell

Weil es auch bei uns Pharisäer und Schriftgelehrte gibt, die permanent sagen: «Alles muss beim Alten bleiben! Auch neuer Wein gehört nur in alte Schläuche.» Welch ein Blödsinn, sagt Jesus: Kein Winzer schüttet neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreisst es diese und sie sind unbrauchbar. Jesus spricht sich hier aber keineswegs gegen alten Wein aus. Wer Tradition liebt, wem Altbekanntes und Bewährtes am Herzen liegt, soll dies auch weiterhin aus den alten Schläuchen geniessen. Aber neue Schläuche und neuer Wein sind ebenso wichtig.

Heute streiten wir über neue Strukturen, über neue Machtverteilungen, ob Frauen Priesterinnen oder zumindest Diakoninnen werden können, ob Sakramente bei stark zurückgehender Nachfrage nicht ergänzt werden müssten durch andere Segnungsformen. Selbst die Eucharistiefeier wird hinterfragt: Ist sie tatsächlich die unübertreffliche liturgische Form in der römisch-katholischen Kirche? Sind nicht eine Wort-Gottes-Feier, eine Segensfeier, ein fetziger Gottesdienst mit moderner Musik wie bei manchen Freikirchen, eine Hochzeit oder Bestattung in der Natur draussen, eine spirituelle Besinnung am Lagerfeuer oder eine Yoga-ähnliche Meditation der Messe gleichbedeutend – und zudem viel gefragter?

Die Frage ist aber gar nicht, was besser ist. Die Frage ist vielmehr: Wem ist was bekömmlich? Beim Wallfahrtsgottesdienst in Einsiedeln statt der Eucharistiefeier einen Wortgottesdienst mit rockiger Musik zu gestalten, das würde den bisherigen Teilnehmer*innen vermutlich weniger bekömmlich sein. Dafür wäre eine «Ewige Anbetung» wohl eher das falsche Angebot in einer Kirche für junge Erwachsene, wie es das «jenseits im Viadukt» ist. Dafür gibt es ja das «Oremus» in der Spitalgasse in Zürich.

Jesus sagt mit diesem Gleichnis klar: Ja, es braucht den neuen Wein – und für diesen braucht es auch neue Schläuche. Ob aus dem jungen dann einmal alter Wein wird, weiss man von Anfang an ja nie. Lieder wie «Laudato si» oder «Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt», haben mich auch in meiner Jugendzeit begeistert, und heute kann ich sie nicht mehr hören. Klar ist nur, dass der alte Wein einmal zur Neige geht. Je nach Sorte und Bekömmlichkeit könnte man sagen: Gott sei Dank! Und schön, wenn es bis dahin reichlich neuen Wein gibt, der sich über Jahre bewährt hat. Also ran an die Arbeit! Was wir brauchen, sind neuer Wein und neue Schläuche – vom alten haben wir meines Erachtens noch mehr als genug.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus

Angebot laufend

Es gibt mehrere kirchliche Projekte und Initiativen, die sich für «neuen Wein» und «neue Schläuche» einsetzen:

​​​​​​​www.freshexpressions.ch

www.kirche-geht.ch

www.projekt-kirche-urban.ch

www.lokale-kirchenentwicklung.de