Narrenschiff

Klartext-Jesus 2

Manchmal liest sich das Evangelium wie ein ganz schlecht geschriebenes Drehbuch. So in der Art: «Mann liebt Frau.» … und jetzt filmt mal!

Nehmen wir zur Probe das Jesuswort «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Klingt griffig und unmissverständlich. Klartext-Jesus. Sogar einem komplizierten Geist wie Immanuel Kant hat das eingeleuchtet. Deshalb hat er dieses Gebot – natürlich angemessen aufgebrezelt – zum Grundprinzip seiner Ethik erklärt.

Wenn wir das Jesuswort jedoch als Regieanweisung für unseren Lebensfilm nehmen, wäre uns weniger Klartext und mehr Konkretisierung angenehm. Soll ich nun den Nächsten genau gleich lieben wie mich selbst? – Oder soll ich ihn ebenso lieben wie mich? – Wenn ich mich gerade nicht ausstehen kann, soll ich den Nächsten dann auch anstinken? – Und wären Narzissten vor Jesus eventuell die ultimativen Supernächstenliebenden?

Plötzlich haben wir eine Ahnung, wie Theologie entsteht. Aber selbst, wenn wir ganz praxisorientiert bleiben, tut sich mit dem Liebesgebot ein riesiges Spielfeld auf. Sobald der Nächste wirklich zum Nächsten wird, weicht die Klarheit dem Abwägen, der Differenzierung, dem Sonderfall. Der kernige in seiner Ausfaltung aber rudimentäre Lehrsatz führt zum heiklen Balanceakt. Nun türmen sich Fragen über Fragen. Von ganz existentiellen wie «Was tun, wenn der Nächste mich quält und misshandelt?» bis zu tendenziell kosmetischen wie «Und wenn der Nächste mir nicht so ganz sympathisch ist?»

Klartext-Jesus verweigert sich konsequent unserem Bedürfnis nach detaillierten Handlungsanweisungen. Er spricht manchmal markig wie ein Politiker und überlässt uns dann die konkrete Umsetzung. Kein 10-Punkte-Plan. Keine To-do-Liste. Kein vorgezeichneter Weg zur Glückseligkeit. Er bewahrt seiner Lehre damit ein Maximum an Flexibilität, aber auch ein Maximum an Herausforderung.

Die klaren Worte von Jesus sind wie Initialzündungen. Für die Entfaltung in unserem Lebensfilm verlässt er sich dann aber auf unser Gewissen. Darauf, dass wir ganz zutiefst fast immer ziemlich genau wissen, wann wir das Liebesgebot tatsächlich leben. Er vertraut darauf, dass wir meist ein sehr feines Gespür für die richtige Balance zwischen ungesunder Selbstverleugnung und krankhafter Selbstverliebtheit haben. So fein, dass wir unsere inneren Regieanweisungen manchmal mutwillig überhören.

Text: Thomas Binotto