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Mit Herz und Verstand

Der ehemalige Regierungsrat Hans Hollenstein ist in Winterthur seit 2019 Präsident der grössten katholischen Kirchgemeinde im Kanton. Im Gespräch gibt er Auskunft über seinen Werdegang und seine Motivation für ein kirchliches Amt.

Hans Hollenstein verspätet sich etwas an diesem Montagmorgen. Sturmtief «Sabine» hat seine drei Tageszeitungen rund ums Haus verteilt. Dort musste er sie erst einmal einsammeln. Nun liegen sie zum Trocknen auf dem Boden seines Kleinbauernhauses im Weiertal. Derweil stellt er sich in der Winterthurer Kirchenverwaltung den Fragen der Journalistin und der Linse des Fotografen. Hans Hollenstein rückt den Krawattenknopf zurecht. Als ehemaliger Regierungsrat ist er es gewohnt, Modell zu stehen; einmal auch für das Porträt, das heute in der Ahnengalerie der Zürcher Regierungsräte hängt. «Ich habe mich damals darum gedrückt, gemalt zu werden», sagt er.

Doch mit dem Resultat war er dann zufrieden. Es zeigt einen freundlichen, ja, lockeren Hans Hollenstein vor kühlem, blauem Hintergrund. Ein Gegensatz, der ihn charakterisiere, so Hollenstein. Das Kühle, Rationale stehe für seinen beruflichen Werdegang. Der führte nach der kaufmännischen Lehre über den zweiten Bildungsweg zum Studium und Doktorat in Wirtschaftswissenschaften. Seine emotionale Seite zeige sich dagegen bis heute in der Verwurzelung in der Natur und in der Freude am Umgang mit Menschen.

Karriere und Krise
Angeregt durch Staatsmänner wie John F. Kennedy, Winston Churchill und durch General Guisan interessiert sich Hans Hollenstein schon früh für Politik und das Weltgeschehen. Als 20-Jähriger tritt er der CVP bei. Hier, so stellt er fest, kann er sich ganzheitlich und nachhaltig engagieren. Denn wichtig ist ihm damals wie jetzt, die Welt sozial, wirtschafts- und umweltverträglich zu gestalten. Auch das «C» im Namen bedeutet ihm persönlich viel.

1982 wird Hans Hollenstein ins Winterthurer Stadtparlament gewählt, acht Jahre später zum vollamtlichen Stadtrat. Er erhält das Departement für Sicherheit und Umwelt. Das ist anfänglich nicht sein Wunschdepartement, doch eines, in dem seine Fähigkeit, Gegensätze zu überwinden, zum Tragen kommt. Als Umweltverantwortlicher ist ihm der Klimaschutz bereits damals ein Anliegen. Und was die Sicherheit anbelangt, meint er: «Sie ist eine unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren einer Gesellschaft.» Sie beginne zu Hause beim Schutz vor häuslicher Gewalt und gehe über die Schulwegsicherung bis hin zur Verbrechensbekämpfung.

2005 folgt der nächste Karriereschritt. Hans Hollenstein wird Regierungsrat. Zwei Jahre lang ist er Finanzdirektor, bevor er 2007 Sicherheits- und Sozialdirektor wird. Ein Amt, für das er Erfahrung mit sich bringt, die er nun auf kantonaler Ebene einbringen kann.

Doch auch schwere Zeiten bleiben ihm nicht erspart. Das Migrationswesen macht ihm zu schaffen. Sein Verständnis für die menschliche Not von Flüchtlingen steht oft der Pflicht entgegen, das Recht – nach Abwägen – durchzusetzen. Hollenstein gerät in die öffentliche Kritik, auf sein Haus wird ein Farbanschlag verübt. «Diese öffentlichen Angriffe waren brutal», erinnert er sich.

Halt findet er in dieser Situation in der Familie und im Freundeskreis. Stärkung gibt ihm auch sein Glaube. Er ist überzeugt: «Krisensituationen sind eine Chance, sich auf seine Werte zu besinnen und gestärkt daraus hervorzugehen.» Politisch klärte er die Situation mit der Bildung einer Härtefallkommission, der auch Kirchenvertreter angehörten. «Damit kehrten vermehrt Ruhe und Sachlichkeit in die Flüchtlingsdiskussion zurück», erinnert sich Hans Hollenstein. Kurz darauf beauftragt ihn der Bundesrat, die Aufsichtsbehörde über das schweizerische Postwesen aufzubauen, die er später auch präsidiert.

Neues Amt und neue Ziele
Mit 70 Jahren stellt sich Hans Hollenstein nun nochmals einer grossen Herausforderung. Als Präsident leitet er die grösste katholische Kirchgemeinde des Kantons Zürich, zu der acht Pfarreien mit rund 150 Angestellten gehören. Eine Aufgabe, die er nicht gesucht, aber gerne angenommen hat, als sie ihm angetragen wurde. Hier kann er einmal mehr seine betriebswirtschaftliche und politische Erfahrung einbringen.

«Die Pfarreien sind gut aufgestellt», fasst er seinen Eindruck zusammen. Aber er sieht auch Handlungsbedarf: «Die Organisation ist etwas in die Jahre gekommen und muss verbessert werden.» Zudem gelte es, die Bedürfnisse der Gläubigen zu erfahren, und sich den Herausforderungen, die die katholische Kirche umtreiben, zu stellen. Gemeinsam mit der Kirchenpflege will er deshalb Legislaturziele festlegen: «Es ist wichtig, dass wir agieren und nicht einfach reagieren.»

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Infos zur Kirchgemeinde Winterthur

Die grösste Kirchgemeinde im Kanton Zürich – Rund 25 000 Katholikinnen und Katholiken gehören zu den insgesamt acht Pfarreien der Stadt Winterthur, die in einer Kirchgemeinde zusammengeschlossen sind. Je zwei Mitglieder pro Pfarrei sind Teil der Kirchenpflege. Die Missione Cattolica di Lingua Italiana hat mit San Francesco eine eigene Kirche. Regelmässig werden Gottesdienste unter anderem in kroatischer, polnischer, tschechischer oder irakischer Sprache gefeiert. Neben den Angeboten in den Pfarreien organisiert die Katholische Kirche Winterthur überpfarreiliche, gesamtstädtische Anlässe. So z.B. den «Treffpunkt Zukunft», der alle zwei Jahre stattfindet, sowie den Adventsbus, der von der reformierten und der katholischen Kirche getragen wird. Im «freiraum» finden sich junge Menschen aus ganz Winterthur bei verschiedenen Anlässen zusammen. 1868 wurde die erste katholische Stadtkirche in Winterthur, St. Peter und Paul, eingeweiht, nachdem sich 1862 eine katholische Kirchgemeinde konstituiert hatte. Wegen der massiven Bevölkerungszunahme während der Hochkonjunktur des letzten Jahrhunderts wurden in den Winterthurer Neubaugebieten weitere katholische Kirchen gebaut. Die sich von einem Industrie- zu einem Bildungsstandort entwickelnde Stadt stellt die Kirche vor neue Aufgaben. Im neu entstandenen Stadtteil Neuhegi eröffnete die Katholische Kirche 2013 ein neuartiges Begegnungszentrum. Der «Anhaltspunkt» bietet der urbanen und internationalen Quartierbevölkerung Neuhegis theologisch-spirituelle, kulturelle und gemeinschaftliche Anlässe.

Stephanie Scharnitzki

 

www.anhaltspunkt-neuhegi.ch

www.kath-winterthur.ch

Text: Sibylle Zambon, freie Journalistin