Bistum Chur

Abserviert

Martin Kopp, ein hoch geschätzter Kirchenmann, wurde nach 17 Jahren als Generalvikar kurz vor seinem Rücktritt abserviert. Was sagt er dazu?

Weshalb ist es aus Ihrer Sicht zur Absetzung gekommen?
Martin Kopp: Es handelt sich um eine Intrige. Dahinter stecken Generalvikar Martin Grichting und der Medienbeauftragte Giuseppe Gracia.

Der Apostolische Administrator Pierre Bürcher findet, Sie waren illoyal.
Ich habe 17 Jahre meines Lebens eingesetzt als Generalvikar. Ich habe meine Gesundheit auf der Strecke gelassen, pausenlos gearbeitet. Ist das illoyal? Ich hatte im Vorfeld vage angekündigt, dass ich im Sommer aufhören will. Mich jetzt abzusägen, war eine gezielte Demütigung.

Als Grund wird ein Artikel in der NZZ am Sonntag genannt, der sie zitiert.
Ja, mit Allgemeinplätzen zu einer Sache, die mir unbekannt war – einem Brief der Zürcher Religionsministerin Jacqueline Fehr. Ich habe gesagt, dass Martin Grichting das duale System nicht gut findet. Eine völlige Lappalie, das kann man überall nachlesen. Und dass eine staatliche Intervention auf Rom mehr Eindruck macht. Auch das ist kein Geheimnis. Doch an diesen zwei Äusserungen werde ich jetzt aufgehängt.

Wie hat Chur auf den Artikel reagiert?
Am Montagvormittag kam eine E-Mail. Die Sekretärin hat mich im Namen des Bischofs gebeten, am nächsten Tag nach Chur zu kommen. Ich habe gesagt: Ich kann nicht am folgenden Tag. Ich komme am Mittwochvormittag.

Wie lief das Gespräch ab?
Peter Bürcher war von Martin Grichting und Giuseppe Gracia so gebrieft, dass er den Harten markiert hat. Von seiner freundlichen Art war wenig zu spüren. Auf dem Tisch lagen zwei Papiere. Entweder ich unterschreibe meinen sofortigen Rücktritt. Oder ich werde entlassen. Ich habe dem Bischof versucht zu sagen: In drei Monaten höre ich doch sowieso auf. Doch das hat ihn überhaupt nicht interessiert.

Rücktritt war keine Option?
Nein, wer mich kennt, weiss, dass ich einen aufrechten Gang habe. Ich will die Entlassung, damit meine Leute in der Urschweiz die volle Wahrheit hören. Am Ende wollte mir der Bischof noch für meine Tätigkeit danken und mich zum Essen einladen. Ich habe dann gesagt: «Danke sehr.» Und bin gegangen. Der Ton blieb anständig.

Was werfen Sie dem Apostolischen Administrator vor?
Er lässt sich das Programm von Martin Grichting und Giuseppe Gracia dik-tieren. Im Grunde tut mir Peter Bürcher leid. Er hat vom Papst eine «Mission impossible» erhalten. Er wird nach Chur geschickt – in ein Bistum voller Konflikte, als Übergangslösung.

Was werfen Sie Generalvikar Grichting vor?
Dass er auf diese gezielte Demütigung hingewirkt hat. Er hat auch ständig in mein Arbeitsgebiet hineingefunkt und Fakten geschaffen.

Wann begann Ihr Zerwürfnis?
Ich hatte immer versucht, konstruktiv zusammen zu arbeiten, obwohl ich ständig schlecht gemacht wurde. Anfangs war Martin Grichting als Generalvikar relativ jovial zu mir. Aber es wurde dann immer konfliktiver.

Spielt Ihr Kampf gegen den früheren Churer Bischof Wolfgang Haas noch eine Rolle?
Peter Bürcher wollte von mir wissen, warum ich immer gegen die Bischöfe bin. Das stimmt überhaupt nicht. Ich habe mich im Übrigen nicht gegen einen Bischof, sondern immer für das Bistum eingesetzt. Mit Amédée Grab bin ich bestens ausgekommen. Mit Peter Bürcher eigentlich auch, er hat mich sogar in Erstfeld besucht – und gesehen, wie ich mit den Flüchtlingen lebe.

Wie geht es nun weiter?
Ich bleibe in Erstfeld im Haus mit den Flüchtlingen und Jugendlichen am Rand. Einer der Flüchtlinge hat einen Bruder, der sitzt auf Lesbos. Ich habe mich in Bern für ihn eingesetzt, doch das Corona-Virus blockiert alles. Wir tun das Möglichste. Darauf kommt es nun an. Ich war immer für die Menschen da. Und das werde ich weiterhin sein.

Interview: Raphael Rauch, kath.ch

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Leserbriefe

Mit der schäbigen und primitiven Abservierung unseres hoch geschätzten Martin Kopp muss man sich einmal mehr schämen, ein gläubiger Katholik zu sein. Eigentlich fehlen mir die Worte für solch diktatorisches, überhebliches Getue. Es macht auch mich wütend und fassunglos. Irgendwie erinnert es an die Inquisition im Spätmittelalter und Frühneuzeit...

Ich hoffe und wünsche sehr, dass Martin Kopp die Kraft und wahre Grösse besitzt, in geraumer Zeit darüber zu stehen.

Carmen Signorell, per Mail

 


Wie eine riesige Zahl von Gläubigen bin auch ich entsetzt, wie mit dem hoch geschätzten Kirchenmann Martin Kopp umgegangen wird. An der Basis hörte man halt mehr über sein kirchlich- menschliches Wirken bei seiner Riesenaufgabe, als anscheinend in den Büros von Generalvikar Martin Grichtig, sowie dem Medienbeauftragten Giuseppe Gracia. Dass hier schlecht versteckt auch Bischof Huonder massgeblich mitmischt, scheint uns allen keine Neuigkeit zu sein.

Wenn in der Wirtschaft in einem Grosskonzern so miserable Abschiebungen vorkommen, dann ist das ein Verbrechen. Was ist denn das in der Kirche? Ich finde kein treffenderes Wort. Wenn das im Bistum Chur an der Spitze so gehandhabt wird, braucht es kein scheinheiliges Wehklagen, warum die Gläubigen in Scharen Reissaus nehmen. Schade für sämtlich Schweisstropfen die an der Basis fast Tag und Nacht als Herzens-Auftrag vergossen werden.

Peter Nussbaumer, per Mail

 


Ich bin erschüttert und empört über die miese Behandlung eines so engagierten Kirchenmannes und dies kurz vor seinem Rücktritt - immerhin war er bis zu seinem 74. Altersjahr für die Menschen und die Kirche tätig. Ich wüsste andere Personen, welche man absetzen sollte und zwar subito.

Wenn sich sogar die Oberen unserer heiligen Mutter Kirche so hinterhältig und niederträchtig verhalten, frage ich mich, was denken sie sich dabei, wenn sie uns in ihren Hirtenbriefen über Nächstenliebe etc. schreiben?

Ich hoffe sehr, dass sich Herr Kopp durch die vielen Menschen, die seine Arbeit schätzen, etwas getragen fühlt.

Lucia Jud, Mettmenstetten

 


Im Mai 2019 wurde Peter Bürcher von Papst Franziskus als Apostolischer Administrator für das Bistum Chur eingesetzt. Seit drei Jahren wird in Chur hinter den Kulissen, unter Ausschluss der Kirchenbasis und unter völliger Geheimhaltung, über den Nachfolger von Vitus Huonder gebrütet. Auch die Bischofskonferenz hat sich zu keinem Zeitpunkt weder zur Art noch zum Verlauf des für das Kirchenvolk absolut undurchsichtigen Auswahlverfahrens geäussert. Nun hat Bischof Bürcher, der angebliche Brückenbauer, die seit vielen Jahren andauernde diözesane Krise noch verschärft, indem er den beliebten und äusserst vertrauenswürdigen Martin Kopp als Generalvikar für die Urschweiz und unerwünschten Kritiker fristlos entliess. Durch diese Massnahme konnte er Martin Kopp allerdings nicht mundtot machen. Dessen Bemerkungen zur Entlassung sind bei weitem glaubwürdiger als die fadenscheinigen Versuche einer Rechtfertigung der Massnahme durch Peter Bürcher. Für alle reformwilligen Katholiken, welche der Kirche den Rücken noch nicht zugekehrt haben, wird die fortdauernde Agonie des Bistums immer unerträglicher. Sie befürchten, nicht grundlos, dass am Ende ein Gesinnungsfreund von Vitus Huonder dessen Nachfolger wird und die Zerrissenheit des Bistums  deshalb kein Ende findet.

Edwin Wirz, Hinwil

 


Die Botschaft aus dem bischöflichen Palast in Chur in dieser schwierigen Corona-Krise mutet an wie ein Ablenkungsmanöver, damit dort die Mächtigen weiterhin die Fäden spannen können.

Die Amtsenthebung von Generalvikar Martin Kopp hat uns vorerst buchstäblich die Sprache verschlagen. Aber jetzt sprechen wir Klartext. Es ist bekannt, wie Generalvikar Kopp seit Jahrzehnten unter der Bischofskrise leidet und diese aushält. Kopp ist ein echter Arbeiter im Weinberg Gottes, der keine Berührungsängste hat mit schwierigen Jugendlichen, jungen Flüchtlingen und Gestrauchelten. Er lebt schlicht und einfach wie viele andere Seelsorger das Evangelium.

Wir haben den Verdacht, dass die heuchlerische «Mission Bürcher» in dieser verworrenen Krisenzeit von seinem Umfeld gezielt gesteuert wird. So können die fiesen Adlaten Martin Grichting & Co. das machen, was Martin Kopp verboten wurde, nämlich unmissverständlich reden.

Auch der schwache Nuntius in Bern macht das Macht-Spiel mit. Warum schaut «Rom» nur zu? Und Papst Franziskus schweigt, weil auch er ein Heer Fädenzieher um sich hat. (vgl. Amazonas-Synode).

Was trägt der Schweizer Kardinal Kurt Koch zu dieser erbärmlichen Situation bei? Es ist auch längst an der Zeit, dass die Schweizerische Bischofskonferenz mit ihrem Präsidenten Felix Gmür nicht mehr schweigen darf, damit das Marionetten-Theater auf dem Churer Hof bald ein Ende nimmt und ein glaubwürdiger, friedensstiftender Bischof gewählt wird, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht.

Christian und Pia Murer-Zuber, Urdorf

 


Wenn vom Stellvertreter in Chur und vom Nuntius in Bern so Unglaubliches veranlasst wird, muss diesen Stellen der zweite Teil des fünften Gebotes in Erinnerung gerufen werden: «… Eltern reizt eure Kinder nicht zum Zorn.» – Wenn Eltern sich in der Realität nicht mehr zurechtfinden und das Leben an die Wand fahren, übernehmen die erwachsenen, verantwortungsbewussten Kinder die treuhänderischen Aufgaben und sorgen rundum für das Leben aller. Papst Franziskus fordert ja die Basis auf, selbst Verantwortung zu übernehmen. Eine Veränderung kann nur von unten kommen, wie die Geschichte aller Revolutionen erzählt.

Renate von Felten, per Mail

 


Im Interview mit Herrn Rauch beklagt Martin Kopp, Generalvikar für die Urschweiz, dass Generalvikar Martin Grichting und der Medienbeauftragte Giuseppe Gracia gegen ihn intrigiert haben und er vom Apostolischen Administrator des Bistums Chur, Bischof Pierre Bürcher, abserviert wurde. Ich nehme das zur Kenntnis. Nun habe ich eine Seite gehört.

Gerne würde ich aber auch wissen, was Pierre Bürcher dazu bewogen hat, sich von Kopp nur kurz vor dem ordentlichen Rücktritt zu trennen.

Toni Stadelmann, per Mail

 


Ich frage mich immer mehr, warum ich der Kirche überhaupt noch angehöre. Eine Kirche, die sich nicht scheut, sich selbst als heilig zu bezeichnen und in ihrem Glaubensbekenntnis von den Gläubigen Demut ihr gegenüber verlangt. Demut gegenüber den Pharisäern? Blinde Zustimmung? Was für eine Ironie zur Lebensgeschichte Jesu! Ein Zitat des indischen Philosophen Jiddu Krish-namurti bringt es auf den Punkt: «Die organisierte Religion ist der gefrorene Gedanke des Menschen, aus dem heraus er Tempel und Kirchen baut; sie ist zu einem Trost für die Ängstlichen, zu einem Opiat für die Trauernden geworden. Aber Gott oder die Wahrheit ist weit jenseits von Gedanken und emotionalen Anforderungen.»

Mit solchem Ränkespiel – wie soeben mit der Absetzung von Martin Kopp erlebt – verliert diese Kirche noch die letzten Reste meines Glaubens an das Gute darin und ich kann sie kaum noch ernst nehmen.

Bernhard Erni, per Mail