Bistum Chur

Das Schlüsselwort heisst «Hierarchie»

Kommentar von Thomas Binotto zur Absetzung von Generalvikar Martin Kopp und ihren Hintergründen.

Die überraschende Absetzung von Martin Kopp als Generalvikar hat breite Empörung ausgelöst. In dieser Empörung gerät die Frage nach der Legitimation des Entscheids in den Hintergrund, obwohl sich hier der eigentliche Konflikt abspielt.

Meine Antworten auf das Wie und das Weshalb sind sehr persönlich. Die Art und Weise wie der Apostolische Administrator Peter Bürcher seinen Generalvikar Martin Kopp abserviert hat, zeugt von erschütternd geringer Sozialkompetenz. Mir erscheint das als seelsorgerlich-pastorale Bankrotterklärung.

Das Weshalb leuchtet mir zunächst überhaupt nicht ein, weil Martin Kopp bereits in früheren Jahren mit viel deutlicheren Stellungnahmen aufgefallen ist. Da hätte ihn Bischof Vitus Huonder längst absetzen können oder – in der Churer Logik – sogar müssen. Zudem stand Kopps Demission ohnehin unmittelbar bevor. Bürcher wäre Kopp also auch ohne Eklat losgeworden.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit war es aber gerade dieser Eklat, der von der Bistumsleitung kühl geplant wurde – wobei diese Winkelspiel eher Generalvikar Martin Grichting zuzutrauen ist als Bischof Bürcher. Ein geplanter Eklat also, damit sich mögliche Anwärter auf das Bischofsamt zu heftiger Kritik hinreissen lassen würden. Kritik an der Bistumsleitung, die dann via Nuntius nach Rom gemeldet würden, um dort die Kritiker als illoyal und damit unwählbar erscheinen zu lassen.

Martin Kopp spricht von einer Falle, in die er gelockt worden sei. Es ist zu vermuten, dass er dabei das Bauernopfer in einem gross angelegten Spiel war. Zur Figur, mit der man noch einen besonders raffinierten Zug spielen wollte, bevor sie das Spielfeld aus freien Stücken verlassen konnte.

Im grossen Spiel sollte die zu erwartende Kritik im Hinblick auf die anstehende Bischofswahl einmal mehr als Ausdruck von Hierarchiefeindlichkeit ausgeschlachtet werden. Nach dem Motto: «Seht her, wie all die Laien, all die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und all die Vertreter der staatskirchenrechtlichen Behörden gegen den vom Papst eingesetzten Administrator wettern. Ist das nicht Grund genug, sie bei der Suche nach einem geeigneten Bischof aussen vor zu lassen, denn man kann ihnen einfach nicht vertrauen.»

Der Apostolische Administrator tut, was er aus seiner Sicht tun muss

Tatsächlich liegt im Umgang mit der Hierarchie der zentrale Konflikt, um den es im Bistum Chur nun schon seit Jahrzehnten geht. Es ist der Angriff auf das hierarchische Kirchenverständnis, das Bürcher weder Kopp noch sonst jemandem verzeihen kann. Aus diesem hierarchischen Verständnis bezieht der Apostolische Administrator auch die Legitimation für sein Handeln. Für ihn ist deshalb alles entscheidend, dass er vom Papst zum Apostolischen Administrator ernannt wurde.

In Bürchers hierarchischem Kirchenverständnis ist der damit von allerhöchster Instanz – in seiner Überzeugung von Gott direkt – eingesetzt und legitimiert worden. Auf meine Frage für ein Interview im forum, ob er die Berufung durch den Papst auch hätte ablehnen oder Forderungen stellen können, hat Bischof Bürcher mit völligem Unverständnis reagiert. Dem Ruf Gottes, durch den Papst überbracht, entzieht man sich nicht.

Wer wie Bischof Bürcher in diesem hierarchischen Verständnis sein Amt ausübt, der kann mit Kritikern bestenfalls Ansichten austauschen, wohlwollend und freundlich. Auf einen eigentlichen Dialog jedoch, der in die Positionen Bewegung bringen könnte, kann und darf er sich nicht einlassen. Das wäre geradezu unsinnig, weil der göttliche Ruf, der göttliche Plan nicht verhandelbar ist.

Aus diesem hierarchischen Verständnis heraus, kann es bestenfalls eine Duldung des dualen Systems geben – eine wirkliche Anerkennung ist ausgeschlossen, denn diese Anerkennung würde einer Relativierung der Hierarchie gleichkommen. Für Bischof Bürcher ist Hierarchie genau das, was sie im Wort trägt: Eine heilige Ordnung. Und Heiligkeit bedarf keiner Korrektur.

Ein Bistum in der Sackgasse

Fairerweise müssen wir an dieser Stelle allerdings alle eingestehen, dass auch wir unter einem guten Dialog meist jenen Dialog verstehen, der unsere Position bestärkt. Wir wünschen uns genauso wenig wie Bischof Bürcher, dass wir in unserem Kirchenbild erschüttert zu werden. Wir sind alle unsere eigenen kleinen unfehlbaren Lehrämter. Und selbst den überzeugtesten Demokraten fällt es schwer, demokratische Entscheide zu akzeptieren, wenn sie den eigenen Überzeugungen komplett zuwiderlaufen.

Als Folge befindet sich der viel beschworene Dialog seit langem in einer Patt-Situation. Die Bistumsleitung duldet demokratische Strukturen, ist aber der Überzeugung, dass sie letztlich dem hierarchischen System wesensfremd sind. Und die Basis duldet das hierarchische System, obwohl sie überzeugt ist, dass es längst demokratischen Strukturen weichen sollte. Pointiert gesagt: Solange der Bischof seine Herde im Bistum freundlich gewähren lässt, gilt er als guter Bischof. Und so lange die Herde dem Bischof die Ehre antut, ist sie eine fromme Herde.

Wir müssen uns – nicht nur im Bistum Chur aber ganz besonders im Bistum Chur – endlich eingestehen, dass die Bischöfe hier noch nie – auch nicht zu Amédée Grabs Zeiten – das duale System im eigentlichen Sinne anerkannt haben. Sie haben es einfach mehr oder weniger sympathisch und taktisch klug geduldet. Um es noch drastischer zu formulieren: All das, was unterhalb der eigenen hierarchischen Position vorgebracht und gefordert wird, ist für die meisten Bischöfe nach wie vor nicht relevant.

In diesem Kirchenverständnis ist es nicht entscheidend, wie viele Katholikinnen und Katholiken der Kirche enttäuscht den Rücken kehren. Und der Protest ist kein Druckmittel. Kirchenmänner wie Peter Bürcher machen daraus auch kein Geheimnis. Sie betonen immer wieder, dass sie der Wahrheit verpflichtet seien, nicht dem Volk Gottes. Und die Wahrheit, die ist untrennbar mit der Hierarchie verbunden. Sie ist die Botschaft, welche die Hierarchie verkündet. Auch sie ist göttlich und damit nicht verhandelbar. Aus dieser Sicht wäre es für Bischof Bürcher unverzeihlich, die heilige Ordnung von Amt und Wahrheit dem Zeitgeist der Basis zu opfern. Den Protest, das Unverständnis, die Ablehnung – all das nimmt er als Martyrium auf sich, zum Wohl der einen heiligen Kirche.

Nur der Papst hat es in der Hand

Wir wünschen uns für Chur endlich einen Bischof, der das Volk Gottes nicht nur als lästigen Störfaktor der heiligen Ordnung sieht. Wir wünschen uns einen Bischof, der das Volk Gottes liebt, der sich selbst als Teil dieses Volkes sieht, der mit dem Volk Gottes unterwegs ist, der dem Klerikalismus abschwört und die Katholische Kirche nicht über das Evangelium erhebt. Solche Bischöfe gibt es. Und ich bin überzeugt, dass wir derzeit auch einen solchen Papst haben.

Aber selbst Papst Franziskus muss immer wieder schmerzlich erfahren, dass es Visionen gibt und dass Realitäten herrschen. Nirgends wird der Widerstand gegen seinen Kurs so heftig, wie wenn er das hierarchische Kirchenverständnis zur Diskussion stellt und das Bild einer geschwisterlichen, oder gar einer zerbeulten Kirche zeichnet.

Ich bin fest überzeugt, dass weder Bischof Bürcher noch Generalvikar Martin Grichting dem jetzigen Papst auf diesem Kurs folgen wollen. Ihr Papst ist der zurückgetretene Benedikt XVI., der das Übel des Relativismus beklagt. In einem Punkt werden sie Papst Franziskus jedoch folgen, weil sie ihm folgen müssen: Wenn der Papst seine Position in der Hierarchie ausspielt. Es gibt nur eine Instanz, die der Apostolische Administrator Peter Bürcher in seinem hierarchischen Denken akzeptieren wird, weil er sie akzeptieren muss: Den heiligen Stuhl selbst.

Auch das ist im Bistum Chur nicht neu: Was hat die Situation im Konflikt um Bischof Haas entscheidend entspannt? Es war die Einsetzung von zwei Weihbischöfen. Diese waren, was die Weihe betrifft, dem Bischof in der Hierarchie ebenbürtig. Möglich gemacht wurde diese Lösung durch den damaligen Nuntius Karl-Josef Rauber, auch er Bischof. Abgesegnet wurde sie vom Papst. Diese Sprache verstand selbst ein Wolfgang Haas.

Der Weg des Protests und der Empörung erscheint uns ehrlicher. Und er ist es wahrscheinlich auch. Aber die Realität sieht so aus: Es liegt an Papst Franziskus, ob wir im Bistum Chur endlich zu jenem Frieden kommen, den wir uns wünschen.

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Leserbrief

 

Gut und treffend formuliert im Kommentar zur Absetzung von Martin Kopp: Die Fäulnis der Kirche beginnt im Kopf. Ich habe den Verdacht, dass Administrator Bürcher vor der bevorstehenden Bischofsernennung (Wahl kann man das wohl nicht mehr nennen!) noch sauberen Tisch machen musste, damit der Neue (Grichting) nicht seine Hände schmutzig machen muss.

Ja, man darf gespannt sein, ob da Papst Franziskus ein Machtwort sprechen will, denn in seinem Kirchenbild ist nicht die Hierarchie, sondern das Volk Gottes (gemäss Vaticanum II) wesentlicher. Hierarchie müsste im Dienst des Volkes Gottes stehen und nicht umgekehrt.

Ich bin wirklich gespannt, wie lange sich das Tridentinische Kirchenbild noch halten kann. Denn jene Hierarchen tun ja gerade im Bistum Chur schon seit Jahren alles, um Spaltung voranzutreiben. Schade! Heisst Bischof nicht «Brückenbauer»?

Hans Hüppi, Ernetschwil

Text: Thomas Binotto, Chefredaktor