Im Züripiet dihei

«Kollektive Exerzitien»

Was schätzen die Menschen jetzt besonders an ihrer Kirche? Nachgefragt bei Pfarrer Stefan Staubli, St. Peter und Paul, Winterthur.

forum: Pfarrer Stefan Staubli, wie erleben Sie diese Ausnahmezeit?
Stefan Staubli: Als Herausforderung, in der ich neben vielem anderen die Pfarreigemeinschaft im Gottesdienst vermisse. Ein Sonntag ohne sinnlich erlebbare Glaubensfeier fühlt sich  eigenartig an.

Wie ist die Stimmung in der Pfarrei?
Das ist nicht einfach zu sagen: Die Menschen sind weniger spürbar, wenn physische Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden. Am ehesten erfahre ich die Stimmung über die Rückmeldungen auf unsere Angebote. Unsere Online-Gottesdienste brächten Wärme und Peter-und-Paul-Atmosphäre ins Wohnzimmer, höre ich. Und die Seniorinnen freuen sich über die Botengänge von Jugendlichen. Berührende Echos, die von Dankbarkeit zeugen.
Unsere Sozialarbeiterinnen berichten aber auch von vielen Menschen, welche die öffentlichen Pfarreigottesdienste vermissen oder von existenziellen Ängsten und Nöten für die Zeit danach umgetrieben werden.

Was schätzen die Menschen an ihrer Kirche am meisten?
Sie sind dankbar, dass die Kirche offen ist, dass sie Raum und Ohr bietet für ihre Ängste und Sorgen – und für den zwischenmenschlichen Austausch.

Wie geht Seelsorge in Zeiten von Corona?
In unserer Kirche steht täglich zwischen 16 und 18 Uhr ein Seelsorger für Gespräche, einen Segen oder die Beichte zur Verfügung.
Ansonsten findet die Seelsorge vorwiegend per Telefon statt: Wir rufen ältere Menschen oder Menschen mit Belastungen an. Die Anrufe werden gerne entgegengenommen. Das Mitteilungsbedürfnis ist gross.

Worüber möchten die Menschen denn sprechen?
Einerseits über die Einsamkeit, die vielleicht vorher schon bestand, aber durch die Isolation grösser geworden ist. Anderseits aber auch über ihre Anteilnahme am Schicksal vieler Menschen in nah und fern.

Da zeigt sich die Krise von ihrer positiven Seite: Es entsteht ein ganz neues Gefühl der Verbundenheit über die eigenen vier Wände hinweg.
In Zeiten von Corona ist eben nicht nur vieles abgesagt – das Leben ist nach wie vor angesagt. Das ist ermutigend.

Erzählen Sie uns ein berührendes Erlebnis.
Nächste Woche wird eine Beisetzung im engsten Familienkreis stattfinden. Die hochbetagte Frau hatte zu Hause an Altersschwäche sterben dürfen. Durch die Corona-Krise, so erzählte mir die Tochter, hätte die ganze Familie die Mutter auf ihrem letzten Wegstück begleiten und schöne, intensive Tage mit ihr erleben dürfen. Dies wäre im normalen Alltag nie möglich gewesen, da dann alle ihrer Arbeit nachgegangen wären.

Ostern steht bevor – nur gefeiert wird diesmal anders. Was machen Sie in St. Peter und Paul?
Wir übertragen Ostergottesdienste online aus St. Peter und Paul. Die Familien haben eine Handreichung für die Kar- und Ostertage zu Hause erhalten. Es gibt sogar einen Hauslieferdienst für Palmzweige und Osterkerzen durch eine Frauengruppe.

Vielleicht ergibt sich in dieser Zeit auch eine Rückbesinnung auf die Ursprünge des Christentums, als die Gemeinschaft als Hauskirche gelebt wurde. «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen.» Dieses Jesus-Wort gilt es zu realisieren.

Corona wird uns noch eine Weile begleiten. Was wünschen Sie uns auf diesem Weg?
Ich hoffe, dass die Corona-Krise zu einer nachhaltigen Erfahrung wird. Dass die Verbundenheit, die wir jetzt spüren, weiterleben darf. Und dass wir das Gefühl, dass unser Leben bedroht, aber auch sehr kostbar ist, mitnehmen können. Weiter hoffe ich, dass die Atempause für die Natur, die uns das Virus aufzwingt, anhält. Wir müssen der kranken Erde mehr Sorge tragen, um selber gesund zu bleiben.

Ihre schönste Corona-Erfahrung?
Die wohltuende Entschleunigung. Wir erleben kollektive Exerzitien – hoffentlich mit Tiefen- und Langzeitwirkung.

Text: Pia Stadler