Gott und die Welt

Ostern in Jerusalem und Rom

Wie fühlt sich Ostern 2020 an den beiden Hotspots des Christentums an? Andrea Krogmann und Mario Galgano, die seit vielen Jahren in den jeweiligen Städten leben und arbeiten, geben uns in je zwei Tagebucheinträgen ganz persönliche Einblicke: Wie haben sie die Situation vor Ostern erlebt…und wie geht es ihnen nach Ostern.

Dienstag, 7. April 2020, Jerusalem

Jerusalem in Coronazeiten: leere Gassen statt Pilgermassen, verriegelte Läden, geschlossene heilige Stätten. Vom sukzessiven Einreisebann bis zur vollständigen Abriegelung des Landes für alle nicht hier Lebenden hat die Stadt förmlich die Pilger ausgeatmet. Das leere Grab leerte sich zunehmend von Besuchern, bis die Grabeskirche ganz ihre Tore schliessen musste.

Aus der Menge auf der Via Dolorosa wurden die erlaubten «nicht mehr als zehn», die die letzten Kreuzwegstationen auf dem leeren Kirchplatz beteten, in gebührendem Abstand zueinander. Auch das ist inzwischen nicht mehr erlaubt. Kein öffentliches Gebet, kein unnötiges Verlassen der Häuser. Kein Schmücken der Gassen mit Baumgrün für die heilige Woche, keine Männer, die Palmwedel flechten. Wohl nicht einmal die Hefekringel mit den rot gefärbten Eiern, denn Eier sind in diesen Tagen hier Mangelware wie andernorts Klopapier.

Ostern wird diesmal auf Bildschirmen stattfinden. Das Patriarchat versucht, den komplexen Lebenswirklichkeiten im Bistum gerecht zu werden: Da ist der in der lateinischen Kirche übliche gregorianische Kalender, nach dem Ostern auf den 12. April fällt. Da ist der julianische Kalender, dem in Nahost viele «Lateiner» als Minderheit in einer ostkirchlichen Mehrheit folgen, mit Ostersonntag am 19. April. Da sind arabisch- und hebräischsprachige Christen, Gastarbeiter- und Flüchtlingsgemeinden mit verschiedensten Sprachen.

Für grösstmögliche Verbundenheit drängt das Patriarchat auf eine zentrale Übertragung pro Untergruppe. Die Hauptfeier – in Arabisch nach gregorianischem Kalender – wird aus dem Patriarchat übertragen, während die in der Grabeskirche lebenden Gemeinschaften hinter verschlossenen Türen feiern.

Das wichtigste Ostern aber wird im kleinsten Familienkreis stattfinden, ein Novum für unsere Zeiten. Viele wüssten nicht mehr, zusammen zu beten, und es sei «wichtig, Familien bei der Rückkehr zu dieser schönen Tradition zu helfen», so das Patriarchat. In der Altstadt tönen unterdessen in voller Kraft arabische Hymnen zur heiligen Woche aus Lautsprechern. Fairuz kann offenbar kein Virus etwas anhaben.

Andrea Krogmann, Jerusalem


 

Dienstag, 7. April 2020, Rom

Ostern 2020 hatte ich mir ganz anders vorgestellt: Blumenschmuck aus den Niederlanden, Zusammenarbeit mit Journalisten aus der ganzen Welt und vor allem das Händeschütteln und ein kurzes Gespräch mit Papst Franziskus standen bei mir auf dem Programm.

Jeweils nach jedem Urbi et Orbi an Ostern und Weihnachten habe ich nämlich die Möglichkeit, mit dem Kirchenoberhaupt unter vier Augen zu sprechen. Das fällt dieses Mal aus. Das ist jetzt alles nebensächlich geworden.

Täglich schauen wir zuhause die Pressekonferenz des italienischen Zivilschutzes und sind jedes Mal geschockt, wenn wir die Zahlen hören. Mehrere hundert Tote pro Tag sind einfach unfassbar. Im Vatikan sieht es auch nicht besser aus. Auf knapp 500 Einwohner sind schon sechs Personen mit dem Coronavirus infiziert. Immerhin gibt es keine Toten.

Ich arbeite zum Glück von zuhause aus im Homeoffice. Mir tun aber die Schweizergardisten leid. Sie sind unermüdlich im Einsatz, auch und gerade jetzt in dieser schweren Zeit. Zwar gilt bekanntlich in Rom eine allgemeine Ausgangssperre, dennoch kommen etliche Römer täglich zum Vatikan und werden von den Gardisten bei den Eingängen betreut.

Es ist ein komisches Gefühl: immer wieder wurde in der Vergangenheit kritisiert, dass wegen Facebook und Twitter keine persönlichen Kontakte mehr gepflegt werden. Jetzt heisst es umgekehrt, man soll sich ja nicht zu nahe kommen, weil jeder ein potentieller Virenüberträger sein könnte.

Mario Galgano, Rom

Dienstag, 14. April 2020, Jerusalem

Ostern in Jerusalem, für Journalisten, die über Kirchenthemen berichten, Jahr für Jahr ein Kraftakt. Klar ist es ein Privileg, dort sein zu dürfen, wo zu den hohen Feiertagen wohl die meisten Gläubigen gern wären: am Originalschauplatz. Damit ist man jedoch üblicherweise auch immer mitten drin: im Gedränge. 

Einsam-gemeinsam. So liessen sich stattdessen die vergangenen Tage beschreiben, in die neben dem jüdischen Pessachfest auch die Heilige Woche und das Osterfest nach dem gregorianischen Kalender fielen. Gefeiert wurde, aber eben nicht wie üblich im Gedränge der Menge, sondern in der Kernfamilie, im extremsten Fall allein. Wo die Palmprozession abgesagt wurde, kamen gesegnete Palmzweige in Körben zu den Häusern der Menschen. Wo sie aufgrund von Ausgangssperren nicht zum traditionellen Kreuzweg auf die Via Dolorosa kommen konnten, zog der Pfarrer mit seinem Kreuz durch die engen Gassen des christlichen Viertels, bauten engagierte Gläubige Kreuze in ihren Nachbarschaften auf. Wo das gemeinsame Gebet aus Virenschutz verboten war, versammelten sich Juden zu Pessach in Gebetsschals auf den Dächern ihrer Häuser, um jeder für sich und trotzdem zusammen Gott zu preisen. Wo optische (Über)Reize zur Leere werden, übernimmt das Akustische: Osterhymnen und Torahlesungen sozusagen frei Haus, ein hörbares Add-On zum üblichen Klangteppich aus Glocken und Muezzinen. Dann und wann (nach den Regeln des Status Quo, an denen auch in Pandemiezeiten nicht gerüttelt wird) öffneten sich die Tore der Grabeskirche, um den Erzbischof mit weniger als einer Handvoll Begleitern in die Dunkelheit zu verschlucken. Gesänge und Orgelklänge hinter verschlossenen Türen schufen ein ebenso surreales wie vertrautes Bild. 

Und ich? Bin immer noch privilegiert. Weil ich zum Arbeiten raus darf, und meine Arbeit auch darin besteht, diese ungesehenen Szenen sichtbar zu machen. Wenn ich aber gedacht hatte, statt Pilgerflut würden Ruhe und Entschleunigung einkehren und ich für einmal nichts machen, noch nicht einmal feiern – dann lag ich falsch. Die Stadt selbst, scheint es, wird zum Gottesdienst.

Andrea Krogmann, Jerusalem


 

Dienstag, 14. April 2020, Rom

Keine Fusswaschung, kein Ressurexit und keine Kreuzwegandacht am Kolosseum. Ehrlich gesagt, hätte ich mir solche Osterfeiern mit fehlenden liturgischen Momenten nur wegen eines Attentats oder plötzlichen Todes des Papstes vorstellen können.

Dass ein unsichtbarer, kleiner Erreger die ganze Welt in Atem hält und Italien ins Chaos stürzen lässt, hätte ich niemals für möglich gehalten. Für den Papstberateter und Wirtschaftsprofessor Stefano Zamagni, den ich an Ostern via Skype kontaktiert habe, war die Pandemie aber bereits seit Jahren vorhersehbar. Jetzt gehe es darum, das Beste daraus zu machen.

Papst Franziskus hat in seinen in der Karwoche und an Ostern gehaltenen Predigten vor allem den Schwerpunkt auf die Hoffnung gesetzt. Die Hoffnung schien aber in der Osterzeit und auch danach in Italien zu fehlen. Die Zahl der an Coronavirus erkrankten Toten sinkt zum Glück von Tag zu Tag, aber es sind weiterhin hunderte von Toten täglich.

Die Bilder mit den Dutzenden Särgen, die in Sporthallen aufgebahrt werden, sind wahrlich kein Anblick der Hoffnung. Auch die Stimmung im Vatikan ist nicht besser geworden. Dem Papst nicht einmal die Hände zum Gruss schütteln zu dürfen und mindestens einen Meter von ihm entfernt zu sein, macht ihn traurig und das merken wir.

Wegen der Corona-Krise glich das sonst so gewaltig zelebrierte Osterfest im Petersdom einer Geisterveranstaltung. Die Bilder aus der nahezu leeren Basilika muteten beinahe unwirklich an. Die Ostermesse und der österliche Segen Urbi et Orbi (Rom und dem Erdkreis) war aber im Internet zu sehen. Da war es für uns im Vatikan tröstlich zu erfahren, wie viele Menschen weltweit mit uns online verbunden waren.

Vielleicht war gerade darin der von Franziskus erwähnte Hoffnungsschimmer zu finden: Das Happy End könnte darin bestehen, die virtuellen Kontakte in reellen Austausch umzuwandeln. Dann würde aus dem Virus nicht einfach nur ein Todbringer, sondern auch ein Menschen-Näherbringer, und so wäre auch der Wunsch des Papstes, sich von der «Hoffnung anstecken zu lassen» nicht nur ein schöner Satz, der in Erinnerung bleiben wird, sondern eine in die Tat umzusetzende Botschaft.

Mario Galgano, Rom

Ostern 2020 in Jerusalem

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…über den Dächern.

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…vor der Grabeskirche.

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Andrea Krogmann lebt seit 2010 in Jerusalem und arbeitet als Redaktorin für die Katholische Nachrichtenagentur KNA.

 

 

 

Mario Galgano, ehemaliger Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz, ist seit 2006 als Redaktor bei Radio Vatikan tätig.