Im Züripiet dihei

Unterwegs zu den Freunden auf der Gasse

Jeden Abend sind junge Leute mit einer warmen Mahlzeit, Schlafsäcken und Hygieneartikeln in der Langstrasse unterwegs – für Randständige, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind.

Drei Wochen seit den verschärften Corona-Massnahmen treffen sich täglich zwischen acht und zwölf Personen – unter Einhaltung des gebotenen Abstandes – an der Bullingerstrasse vor einem Raum, den die Stadt Zürich zur Verfügung gestellt hat. Hier lagern Lebensmittel-Pakete aus den Pfarreien während neun Tagen, damit sie virusfrei verteilt werden können. 70 warme Mahlzeiten werden auf sechs Handwagen verteilt – ab 6. April sind es über hundert. Mit auf die Tour kommen vom Militär geschenkte Schlafsäcke und Hygieneartikel. Dann schwärmen sie aus, mit Mundschutz und Handschuhen, an die Orte und Plätze an der Langstrasse, «wo unsere Freunde sind», wie Sr. Ariane Stocklin sagt. Sie kennt sie alle mit Namen und weiss auch, was der eine oder die andere besonders liebt. Ein Himbeerfrappé für Toni*, eine grosse Portion Suppe für Fritz*, Scheibenkäse für Agnes* und eine Bluse für Dora*.

Diese Freunde sind von der Corona-Krise existenziell betroffen. Obdachlose und Drogenabhängige finden keine Unterkunft mehr, da die entsprechenden Institutionen nicht in gewohnter Weise fortgeführt werden können. Prostituierte haben ihre Einkünfte verloren und damit oft auch ihr Zimmer. «Schon am ersten Tag waren diese Konsequenzen sichtbar», sagt Sr. Ariane. Sie war wie jeden Samstag mit der Gruppe vom Verein «incontro» mit Sandwiches, Suppe, warmem Kakao, Schöggeli und Früchten auf der Gasse unterwegs. Schnell wurde klar, dass es jetzt mehr braucht. Sofort wurde eine Sitzung mit allen Freiwilligen des Vereins einberufen, in dem auch Pfarrer Karl Wolf von Küsnacht im Vorstand engagiert ist. Die Idee einer täglichen warmen Mahlzeit kommt von einer jungen Freiwilligen – und die ersten zwei Wochen werden auch gleich von ihr gesponsert: Das Restaurant Hiltl Sihlstrasse kocht zum Selbstkostenpreis von sieben Franken pro Mahlzeit für die Randständigen.

Alle verfügbaren Kontakte wurden aktiviert: Bischof Peter Bürcher, Generalvikar Josef Annen und Dekan Marcel von Holzen sagen ihre Unterstützung zu. Der Synodalrat spricht unkompliziert Soforthilfe von 5000 Franken, Katholisch Stadt Zürich stellt eine kleine Wohnung zur Verfügung für eine obdachlos gewordene Prostituierte. In Abstimmung mit verschiedenen Institutionen, die auf der Gasse engagiert sind, und mit der Erlaubnis der Zürcher Gesundheitsdirektion wird das Projekt «Broken Bread» umgesetzt.

Jeweils bis Freitagmittag bringen Pfarreiangehö­rige Lebensmittelpakete mit liebevoll gestalteten Karten oder Zeichnungen in die Kirche.

Jeweils bis Freitagmittag bringen Pfarreiangehö­rige Lebensmittelpakete mit liebevoll gestalteten Karten oder Zeichnungen in die Kirche. Foto: Manuela Matt

Diese Pakete verteilen die Freiwilligen des Vereins incontro dann auf der Gasse.

Diese Pakete verteilen die Freiwilligen des Vereins incontro dann auf der Gasse. Foto: Manuela Matt

«Wir wollen den Menschen nicht nur Nahrung für den Körper, sondern auch für die Seele geben», betont Sr. Ariane

«Wir wollen den Menschen nicht nur Nahrung für den Körper, sondern auch für die Seele geben», betont Sr. Ariane Foto: Manuela Matt

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Szenenwechsel: In der Kirche St. Georg in Küsnacht legen Agatha Hubmann und Regula Schweiss ihre Lebensmittelpakete vor den Altar. Regula Schweiss hilft regelmässig beim «Fäscht uf dä Gass» mit, das der Verein «incontro» zusammen mit den Freunden von Sant’ Egidio einmal im Monat auf dem Röntgenplatz veranstaltet. Zusammen mit ihren zwei Töchtern hat sie ein Lebensmittelpaket für jene, die kochen können, sowie eines für Obdachlose ohne Kochgelegenheit bereitgemacht. «Wir legen ein persönliches Kärtli dazu», sagt sie. «Auch wenn man ja nicht weiss, an wen es geht, soll es Ausdruck unserer Zuwendung sein.» Agatha Hubmann hat den Brief der Pfarrei an alle 350 Freiwilligen bekommen, in dem über das Pfarreileben unter Corona-Bedingungen und die Paket-Aktion informiert wird. «Uns geht es gut, wir arbeiten alle im Homeoffice, haben Arbeit und Lohn. Mit diesen Paketen können wir etwas beitragen für jene, die leiden», erklärt sie.

Die 15 regelmässig auf der Gasse engagierten jungen Erwachsen von «incontro» treffen sich monatlich zur Supervision mit Pfarrer Karl Wolf sowie einem gemeinsamen Gottesdienst und Essen. «Jetzt in der Corona-Krise besprechen wir täglich alles zusammen. Alles entsteht aus einem Miteinander», betont Sr. Ariane, die selber nicht einem Orden angehört, sondern sich als «geweihte Jungfrau», einem besonderen kirchlich anerkannten Lebensstand, ganz dem Dienst an Gott und den Mitmenschen zur Verfügung stellt und als Schwester in der Welt lebt. «Nun sind spontan neue, vor allem junge Freiwillige dazugestossen», freut sie sich.

«Wir wollen den Menschen nicht nur Nahrung für den Körper, sondern auch für die Seele geben», betont Sr. Ariane. Viele Prostituierte seien im Moment sehr traurig und niedergeschlagen. Sie sind ohne Verdienst, können nicht zurück in ihre Herkunftsländer, zu ihren Familien. «Wir hören zu, sie erzählen und weinen und spüren, dass sie nicht alleine sind.» Ein Prostituierter sagt: «Ich möchte auch etwas tun. Ich kann gut nähen.» So entsteht die Idee, Hygiene-Masken herzustellen. In kürzester Zeit werden eine seriöse Anleitung und die nötigen Stoffe organisiert, eine Stickmaschine für den Slogan «you+me» wird gespendet – eine Ermutigung, die Maske zu tragen, um die anderen und sich selbst zu schützen.

Die letzten Lebensmittelpakete und Mahlzeiten werden jetzt noch persönlich jenen Menschen gebracht, die krank zuhause sind. Auf dem Weg trifft Sr. Ariane Sabine*. Sie begrüssen sich freudig und dann legen die beiden – im Zwei-Meter-Abstand – singend ein Tänzli auf die Gasse. «Das machen wir immer, wenn wir uns treffen», schmunzelt Sr. Ariane. «Unsere Freunde lehren uns, was Beziehung heisst. Sie leben uns Direktheit, Ehrlichkeit, Dankbarkeit, Wärme und Herzlichkeit vor. Sie sagen geradeaus, was los ist.»

«Ich hatte schon immer den Eindruck, dass die Erneuerung der Kirche von unseren Freunden auf der Gasse kommt», sagt Sr. Ariane. Und nun erlebe sie genau das: Pfarreien, Kantonalkirche, Katholisch Stadt Zürich, Reformierte Kirche und verschiedene Institutionen, alle arbeiten Hand in Hand für die Bedürftigsten: «Die Menschen auf der Gasse mit ihrer Not bringen uns in unserer sonst oft zerrissenen Kirche zusammen. Ein Miteinander wird möglich. Das ist wunderbar.»

*Namen geändert

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Leserbrief

Hab soeben den Beitrag gelesen. Gratuliere! ... Das ist wirklich authentisch und echt ... und gibt Hoffnung.

Ch. Mirjam, per Mail

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer