Schlusstakt

Wir Superheld*innen

Es finden interessante Bewegungen statt in diesen Covid-19-Tagen, obwohl unsere Bewegungsfreiheit so stark eingeschränkt ist.

Die täglichen Pressekonferenzen der Bundesregierung haben bereits rituellen Charakter. – Um 19.30 Uhr ist wieder Tagesschau-Zeit. – Und der Gesundheitsminister Alain Berset spricht manchmal wie ein Seelsorger. Ein sehr vertrauenerweckender, wie ich finde.

Unseren professionellen Seelsorgern und Seelsorgerinnen hingegen wurde das genommen, was die allermeisten als Mittelpunkt ihrer Arbeit sehen: Der Gemeindegottesdienst. Sie sammeln stattdessen Esspakete für Randständige, organisieren Nachbarschaftshilfe, eignen sich neue digitale Techniken an.

Wir erleben ein Paradox: Aus unseren Routinen geworfen, müssen wir uns ausgerechnet im Daheimbleiben, im Aushalten und im Ausharren neu bewegen. Wir alle müssen uns gerade ein wenig neu erfinden.

Diese Transformationen spielen sich zwar nicht so spektakulär ab wie in einem Superheldenkracher, aber das beruhigend häufig auftretende Phänomen ist dasselbe: Die Kraft kommt dann, wenn wir sie brauchen. Und wenn wir vor ganz neuen Herausforderungen stehen, entdecken wir auch ganz neue Kräfte.

Noch selten habe ich unsere Gesellschaft so solidarisch erlebt wie jetzt. Noch nie in meinem bisherigen Leben hatte ich so stark das Gefühl, der Bundesrat sei wirklich das, was er sein soll: für uns da.

Ich habe aber seit langem nicht mehr eine so lebendige, tatkräftige, fantasievolle kirchliche Gemeinschaft erlebt. Für meinen Glauben ist das nicht unerheblich, denn die Kirche hat in den letzten Jahren auch meine grössten Glaubenskrisen ausgelöst.

Ich mache mir keine Illusionen: Auch diese Krise lehrt nicht beten, wo noch nie ein Gebet war. Das muss aber auch nicht sein, denn noch viel, viel, viel hoffnungsvoller erscheint mir diese Überzeugung: Die Krise setzt Kräfte in uns frei, die schon immer da waren. Mystiker wie Meister Eckhart sind eben gerade nicht Phantasten, wenn sie Gott immer und überall gegenwärtig sehen und sogar noch erklären, wir sähen ihn erst dann richtig, wenn wir ihn am wenigsten erwartet hätten.

Covid-19 wünsche ich zum Teufel. Die guten Kräfte, die der Virus in uns mobilisiert hat, die dürfen ruhig bleiben.

Text: Thomas Binotto