Editorial

Ausserordentliche Fastenzeit

Am allerersten Osterfest fand keine Eucharistiefeier statt. Und am zweiten, dritten, vierten mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht. Auf jeden Fall wurde keine katholische Messe in der heutigen Form gefeiert.

Dass momentan keine gemeinsamen Gottesdienste gefeiert werden können, ist schmerzlich. Ein Einschnitt in Gemeinschaft und Gewohnheit. Für manche schier unerträglich, weil die gemeinsame Eucharistiefeier ihnen gerade in schweren Zeiten Kraft gibt. Eine Entbehrung, die tief in die persönliche und die gemeinschaftliche Lebens- und Glaubensgestaltung eingreift.

Wir erleben eine liturgische Fastenzeit, die sich niemand gewünscht hat. Aber gerade wenn wir an die Zeit zwischen dem allerersten Ostern und dem allerersten Pfingsten denken, erhält sie einen tiefen Sinn. Nun können wir wenigstens schwach erahnen, wie es jenen ersten Christen ergangen sein muss, die Jesus persönlich kannten. Für sie war nach Emmaus nicht plötzlich wieder alles klar. Die Zusicherung «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» konnte ihre Verlassenheit nicht augenblicklich tilgen.

2020 lässt uns erfahren, weshalb es Pfingsten braucht, und was die Wartezeit bis dahin von uns verlangt. Ja, wir vermissen die gemeinsamen Gottesdienste und warten darauf, sie wieder feiern zu dürfen. Aber wir können gerade im Warten auf Pfingsten noch breiter und vielfältiger zum Fundament unseres Glaubens vorstossen. Wir sind eingeladen, immer mehr Orte zu entdecken, an denen Jesus mitten unter uns gegenwärtig ist, ganz real präsent.

Ostern schenkt uns den Glauben, dass Jesus lebt. – Pfingsten feiert die Erfahrung, dass Jesus tatsächlich immer und überall mitten unter uns gegenwärtig ist. Der Weg von Ostern nach Pfingsten ist eine Entdeckungsreise, die den Boden bereitet, damit diese Erfahrung tatsächlich tief in unserem Leben verankert werden kann.

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Leserbrief

Die vielen Proteste gegen das Gottesdienstverbot zeigen mir eine viel zu starre Fixierung auf den üblichen Gottesdienst. Es sei ein Angriff auf das Grundrecht der freien Ausübung der Religion, heißt es oft. Ich habe mich nicht daran gehindert gefühlt, meinen Glauben zu leben –außer eben beim Besuch des Gottesdienstes. «Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind», meint nicht nur den Gottesdienst in einer Kirche! Das kann überall sein, in Zeiten der Ausgangssperre auch vermehrt zuhause oder im Beisammensein bei Gottesdienstübertragungen.

Die Forderung, möglichst rasch wieder Gottesdienste zuzulassen, ist durchaus unchristlich. Der Schutz des Lebens steht bei uns Christen an oberster Stelle. Wenn wir aber durch Zusammenkünfte Virenübertragungen ermöglichen, schützen wir eben gerade nicht das Leben derer, die an der Infektion dann zu Tode kommen. Ein Verzicht auf «unser gutes Recht» stünde uns da besser an. Außerdem nahm ich diesen Verzicht auch als ein besonderes Fasten war, das diesmal nicht auf die Fastenzeit begrenzt und oder frei wählbar ist, sondern vorgegeben. Diesen echten Verzicht kann man getrost annehmen, im Glauben, dass uns Gott auch darin begleitet.

Ludwig Lang, per Mail

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Text: Thomas Binotto