Im Züripiet dihei

Der Kirchenbaumeister ist im Himmel

Justus Dahinden ist, 95 Jahre alt, gestorben. Ein Nachruf auf den Baumeister der Kirche Maria Krönung in Zürich Witikon und der Kirche St. Paulus in Dielsdorf, zwei Perlen der Baukultur im 20. Jahrhundert.

Zu Justus Dahindens 90. Geburtstag war in den Nebenräumen der Kirche Maria Krönung in Zürich-Witikon eine Ausstellung über den Bau dieser Kirche zu sehen, die Justus Dahinden 1965 auf einem abenteuerlichen Weg zusammen mit den Kirchen- und Bauleuten geschaffen hat. Zur Vernissage war der alte Herr knapp gekommen, denn am Morgen war er noch in seinem Revier in Vorarlberg gewesen, und statt über Architektur sprachen wir Zwei am Vernissage-Essen über die Jagd. Er erzählte schmunzelnd, wie ihn sein Jägermeister so platziert hatte, dass er den Rehbock nicht fehle – und prompt erlegte er zwei. Das Jägerlatein schmückte Justus Dahinden heiter mit Garn aus und auch mit Schilderungen von Blumen, vom Wetter, von der Stimmung im Wald und vom Geruch des Mooses, wenn es geregnet hatte.

Die Begegnung zeigte mir zweierlei: Justus Dahinden erzählte gerne Heldengeschichten über sich, nicht nur als Jäger, sondern auch als Architekt. Er hatte wie etliche seiner Generation eine gesunde Ich-Stärke und wusste, was richtig und falsch ist. Und er spürte zeitlebens mit wachen Sinnen seinen Wahrnehmungen nach, sie waren Quellen für seine Entwürfe. «Empfindung» war ihm ein Schlüsselwort, um über seine Architektur zu sprechen. Was hin und wieder esoterisch tönte, erschloss sich beim Zuhören und Lesen als fundiert in der Systemtheorie, in der Biologie und in der Psychologie. Justus Dahinden las viel, wusste viel und baute seine theoretischen Bestände eigenwillig zusammen. Der Dr. Prof. – ausgebildet an der ETH, später Hochschul-Lehrer in Wien – arbeitete mit einem gut laufenden Atelier in Witikon, in einem Haus hoch über der Stadt Zürich. Er war ein Einzelgänger. Immer wieder sorgte er in der Szene der Architektur für Nasenrümpfen unter den Heroen des rechten Winkels: Mit der Pyramide am See in der Stadt Zürich, dem Ferrohaus von 1970, zum Beispiel. Oder mit dem Schwabylon in München, einem farbigen Häusergebirge für den Konsum, das nach wenigen Jahren, kommerziell zusammengekracht, abgebrochen wurde. Mit den Trigon-Häusern in Zürich, dem Rätia-Center in Davos, dem Feriendorf auf dem Twannberg oder dem Restaurant Tantris in München, das bis zum letzten Löffel unter Denkmalschutz steht, hat er eine Reihe von Perlen der Baukultur des 20. Jahrhunderts entworfen.

Meisterwerke der Kirchenarchitektur:  St. Paulus, Dielsdorf

Meisterwerke der Kirchenarchitektur: St. Paulus, Dielsdorf Foto: Justus Dahinden/zvg

Meisterwerke der Kirchenarchitektur:  Maria-Krönung, Zürich-Witikon.

Meisterwerke der Kirchenarchitektur: Maria-Krönung, Zürich-Witikon. Foto: Kath. Pfarramt Maria Krönung/zvg

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Persönlich lernte ich Justus Dahinden erst kennen, als er ein alter Mann war; vif, listig lächelnd und auf seinen alten Beinchen behände durch das Atelier und sein Wohnhaus trippelnd – schwarz angezogen natürlich von den Finken bis zum Hemd. Mich berührte nicht nur sein Stolz über sein Werk, sein munteres Erzählen, sondern auch seine Art, über den Glauben und den Herrgott im Himmel zu reden. Er war katholisch im volkstümlichen Sinn, mit einem Hang zu Mythen und zur Vermutung von Wundern. Sein Glaube, sein reges Interesse an Spiritualität hatten natürlich auch mit dem schönsten Teile seines Werks zu tun: Er hat 22 Kapellen, Kirchen und Kathedralen gebaut, von der Dorfkirche in Wildegg bis zu Grosskirchen in Afrika, die dazu taugen müssen, dass 2000 Gläubige den Gottesdienst feiern können.

Im Kanton Zürich ist er der Baumeister von St. Paulus in Dielsdorf und Maria Krönung in Zürich. Ich bin ein Prättigauer Protestant und es hat mich sinnlich gepackt, ja erschüttert, als ich vor ein paar Jahren diese Kirche in Zürich-Witikon zum ersten Mal besucht habe. Im Inneren verzaubert ein fantastisches Licht- und Schattenspiel den Raum, konstruiert in kühner Geometrie mit Schieben, Stossen, Falten. 1965 hat Justus Dahinden hier sein Können, mit Raum und Licht Geborgenheit, Atmosphäre und Überwältigung zu schaffen, aufgeführt. Die Kirche ist mit ihren Nebenbauten in einem grossen, runden Schwung angelegt. Sie ist ein Ganzes vom grossen Plan bis zur Plättlifuge, von der monumentalen Form bis zu den verwinkelten Innen- und Aussenräumen. Demnächst werde ich hinfahren und bei der zauberhaften hölzernen Madonna eine Kerze für Justus Dahinden anzünden.

Und es gilt, das Werk dieses Architekten zu hüten: Bis vor Kurzem hatte die katholische Kirche in Maria Krönung ihre «Paulus Akademie» untergebracht. Die zügelte nach Zürich-West. Nun will eine Renovation das Ensemble ertüchtigen. Gut, wenn die Kirchenleute mit viel Sorgfalt ans Werk gehen und die Kirchenanlage so in Schuss bringen, dass Justus Dahinden daran Freude und Wohlgefallen hätte – oder hat, denn er glaubte ja felsenfest ans ewige Leben.

Angebot laufend

Wichtige Kirchenbauten(Auswahl)

 

· 1959–1960 Handwerkerschule mit Kapelle, Taitung (Taiwan)

· 1960–1962 Kirche St. Paulus, Dielsdorf

· 1963 – 1965 Kirche Maria Krönung, Zürich-Witikon

· 1964–1965 Kirche Herz Jesu, Buchs SG

· 1966 Kirche St. Franziskus, Hüttwilen TG

· 1970 Pfarrkirche St. Antonius, Wildegg AG

· 1972 Kathedrale Mityana Pilgrims’ Shrine, Mityana (Uganda)

· 1973 Basilika der Märtyrer von Uganda, Namugongo (Uganda)

· 1974 Kirche Bruder Klaus, Spiez, BE

· 1976 Chiesa di San Giuseppe, Monza (Italien)

· 1979 Kirche St. Jakobus (mit Pfarrzentrum, Pfarrhaus und städtischem Gemeinschaftshaus), Limburg-Lindenholzhausen (Deutschland)

· 1981 Kirche St. Paulus, Ingelheim am Rhein (Deutschland)

· 1992 Chiesa San Maximilian Kolbe, Varese (Italien) (zusammen mit Ihab Morgan)

· 2002 Basilika in St. Petersburg, (Russland) (zusammen mit Rudolf Plech)

· 2003 Kirche St. Franziskus und Minoriten-Kloster, Bratislava (Slowakei) (in Kooperation mit STUDIO FOR)

Text: Köbi Gantenbein

Angebot laufend

Köbi Gantenbein ist Verleger der Architekturzeitschrift Hochparterre. Er lebt und arbeitet in Fläsch und Zürich. Er wandert viel und besucht unterwegs jede Kirche, in der er, so sie offen ist, mit seiner Frau zweistimmig Kirchenlieder singt. Im Juni erscheint in seinem Verlag das Buch «Rückspiegel», unter anderem mit einem Porträt über Justus Dahinden

(verlag@hochparterre.ch).