Gleichnisse aktuell: Feigenbaum

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Gleichnisse im Neuen Testament wollen «Fenster in eine andere Welt» sein.

Sie schaffen eine Wirklichkeit, die einen Blick in das Reich Gottes öffnet. Einen besonderen Blick bietet das Gleichnis vom Feigenbaum. Es ist nur vier Verse kurz, provoziert, weil es unsere Vorstellungen von Zeit und Gerechtigkeit durcheinanderwirft. Es lässt sich von verschiedenen Seiten lesen.

Wir können es von der Seite des Mannes lesen, der den Weinberg besitzt. Er sagt: Wenn ich durch meinen Weinberg gehe, ärgere ich mich über diesen Baum. Er ist lächerlich klein und seit drei Jahren ohne Früchte. Die guten Bäume beim Nachbarn tragen süsse Früchte mehr als zehn Monate im Jahr. Ich hau ihn um, denn er nimmt den anderen Bäumen die Kraft aus dem Boden. Oder wir lesen es von der Seite des Winzers: Ich kenne mich aus. Es gibt schnell wachsende Bäume und es gibt andere, die Zeit brauchen. Es ist nicht mein Baum, aber als Spezialist werde ich dem Chef sagen, dass es nicht am Baum liegen muss, sondern genauso am Boden oder am Wetter liegen kann. Ich würde den Boden nochmal auflockern und düngen. Mein Geheimtipp ist Pferdemist! Versetzen wir uns in den Feigenbaum, könnte dieser sagen: Ich bin dürr und ohne Früchte. Alle Bäume um mich herum tragen volle Frucht. Der Chef will mich aufgeben. Meine Chancen sind gering und mein Unheil eigentlich unaufhaltsam. Aber da ist einer, der sich um mich kümmert, der mir zutraut, dass ich Früchte tragen kann.

Das Gleichnis ist ein Lob der Langsamkeit. Schon Kinder kennen Ungeduld, Zweifel und die Erwartungen von Eltern und Schule. Auch Erwachsene erleben das Getriebensein, den Stress und das Gefühl, im Hamsterrad unterwegs zu sein. Vielleicht ist das in Corona-Zeiten der falsche Buchtipp, aber ich liebe noch immer den Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny aus den 1980er-Jahren. Der Held John Franklin ist als Kind «der Depp» im Dorf, denn er ist langsamer als alle anderen. Dafür kann er sich alles besser und genauer merken. Als John später zur Marine geht, gerät sein Schiff in Seenot und die Navigation fällt aus. Die Besatzung wird nur gerettet, weil Johns genaue Erinnerung den Weg aus der Seenot weist. Nadolnys Buch ist ein Gleichnis, geschrieben für unsere Tage. Es öffnet ein Fenster in eine andere Welt. Vielleicht ist es doch gerade jetzt der richtige Buchtipp?

Text: Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur