Schlusstakt

Die Lust am Missverständnis

Wenn wir nur darauf hören, was Menschen sagen, anstatt auch darauf zu achten, was sie meinen, dann ist der Streit bereits vorprogrammiert.

Am 16. April äusserte sich Daniel Koch vom BAG für seine Verhältnisse geradezu euphorisch: Kinder seien sehr, sehr marginal von Covid-19 betroffen. Weil sie nicht die Treiber der Virusverbreitung seien, könne man es wagen, die Schulen am 11. Mai wieder zu öffnen.

Medial und in den Köpfen vieler Zuhörer wurde daraus: Daniel Koch habe Kinder für nicht ansteckend erklärt und deshalb sei beispielsweise auch der Kontakt zwischen Grosseltern und Enkeln unbedenklich. Am 17.  April musste Koch deshalb etwas klarstellen, was er gar nie behauptet hatte: «Kinder sollen nach wie vor nicht Kontakt mit ihren Grosseltern haben. Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit, dass keine Kinder infiziert sind.»

Wir Menschen haben offensichtlich eine grosse Lust am Missverständnis. Und diese Lust lässt sich besonders leicht entflammen, wenn wir unser Gegenüber auf das reduzieren, was es sagt, und nicht darauf achten, was es meint. Wir könnten bei ungeschickten, überspitzten, ungenauen Formulierungen grosszügig das herausspüren, was gemeint ist – aber nein, wir drängen unseren Gesprächspartner lieber in den Sumpf der Missverständnisse.

So haben wir es schon als Kinder getan, wenn wir unsere Eltern wegen marginaler Ungenauigkeiten in der Auftragserteilung auflaufen liessen. So sorgen wir in unseren Beziehungen immer wieder für Zoff. Und so tun wir es in politischen und anderen Diskussionen, wenn wir gnadenlos auf rhetorischen Schwächen herumreiten, damit wir uns der Stärke eines Arguments nicht stellen müssen.

Man kann es Liebesgebot, Volksweisheit oder Kantscher Imperativ nennen – immer und ganz besonders gilt diese Haltung auch in der Kommunikation, wenn diese tatsächlich gelingen soll: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.» So sehr ich selbst darauf angewiesen bin, dass man aus meinem Gebrabbel die gute Absicht herausliest, so sehr muss ich diese Anstrengung auch mir selbst zumuten. Es gibt kein Verstehen ohne Wohlwollen.

Wenn wir uns mehr darauf konzentrieren würden, bei den Menschen zu spüren, was sie meinen, statt sie darauf zu behaften, was sie sagen, dann wäre die Welt ein besserer Ort. Selbst wenn wir dann auch herausfinden würden, dass manche ganz wunderbare Worte für ganz finstere Gedanken finden.

Text: Thomas Binotto