Schwerpunkt

Doppelter Lockdown

Die notwendige Isolation während der Corona-Pandemie trifft jene Menschen besonders hart, die aufgrund ihrer psychischen Verletzlichkeit, ihres Alters oder ihrer Flucht bereits am Rande der Gesellschaft leben. Das stellt sie und ihr Umfeld vor besondere Herausforderungen.

In der Psychiatrie

Als Anfang März das Leben in der Schweiz noch weitgehend normal verlief, wurden in den psychiatrischen Kliniken wegen des Coronavirus bereits deutlich verschärfte Sicherheitsvorkehrungen eingeführt.Was das für die Patient*innen bedeutete, wurde mir schlagartig vor Augen geführt, als ich in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Rheinau mit einem Patienten ins Gespräch kam. Wir hatten gerade erst ein paar Sätze gewechselt. Da brach er unvermittelt in Tränen aus. Es stellte sich heraus, dass er für das Wochenende einen Besuch bei Verwandten geplant hatte. Doch nun durfte er weder zu ihnen hinfahren noch selbst besucht werden – auf un-bestimmte Zeit.

Kurz darauf wurde ich auf dem Klinikgelände von einem anderen Patienten angesprochen. Er bat mich um ein Gespräch. Auf seiner Station war jedoch kein Besuch mehr möglich. So rief er mich an. Über Monate hatte ich mitverfolgt, wie er stabiler wurde und wie seine Bereitschaft wuchs, sich auf die geplante Anschlusslösung einzulassen. Nun wurde plötzlich sein Alltag massiv verändert: Es waren nicht mehr alle Therapien möglich, Beschäftigungsmöglichkeiten wurden gestrichen, nur noch wenige Personen durften zu ihm auf die Station kommen. Das verunsicherte ihn stark.

Soweit es möglich ist, versuchen wir Seelsorgenden, weiterhin für die Patient*innen da zu sein. Wo wir nicht hingehen können, bieten wir Telefonseelsorge an. Wir melden uns auch selbst telefonisch und fragen die Pflegenden, wie es so läuft und ob Bedarf für Gespräche besteht. Dabei ergeben sich auch mit den Mitarbeitenden gute Kontakte. So manche von ihnen sind in dieser Zeit besonders belastet und schätzen es, wenn wir nachfragen, wie es ihnen geht. Zu Ostern wurde in der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (ipw) an alle Patient*innen ein Gruss mit farbigen Osterworten verteilt. Auch in der PUK Rheinau haben wir für jede*n eine österliche Karte gestaltet. Daraufhin trauten sich mehr Patient*innen, uns telefonisch zu kontaktieren.

In der psychiatrischen Universitätsklinik Lenggstrasse in Zürich haben die Seelsorgenden zu den meisten Stationen nach wie vor Zugang. Da diese auch hier nach aussen abgeschottet werden müssen, ist der Bedarf höher denn je. Pfarrer Ivan Machuzhak drückt es so aus: «In dieser besonderen Zeit sind wir für die Patient*innen ein Fenster nach draussen.»

Wieder anders ist die Situation für Patient*innen von Tageskliniken und Therapiestationen, welche wegen der Coronakrise geschlossen wurden. In der ipw hat man die Erfahrung gemacht, dass viele damit überfordert sind, daheim auf sich allein gestellt zu sein. So werden diese Einrichtungen teilweise wiedereröffnet.

Unter Quarantäne gestellt wurde ebenfalls die Forel Klinik für Suchterkrankungen. Als Ersatz für die fehlenden Aussenkontakte wurde hier zusammen mit der Seelsorge ein buntes Osterprogramm auf die Beine gestellt, mit Eier-suchen und Postenlauf. Denn das ist vielerorts ein positiver Nebeneffekt der Coronazeit: Klinikpersonal und Seelsorgende arbeiten (noch) enger zusammen.

Melanie Berten


Im Asylzentrum

Viele Menschen berichten im Moment von ihren Erfahrungen mit Homeoffice und Homeschooling. Auch ältere Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen sollen oder im Altersheim von Aussenkontakten abgeschnitten sind, erzählen, so etwas hätten sie in ihrem ganzen Leben noch nie erlebt. Die emotionalen Herausforderungen, die sich mit dem Zuhausebleiben stellen, können uns einen Fensterspalt öffnen zum Leben von Menschen in Asylzentren.

Wer in der Schweiz oder anderswo in einem Asylverfahren steckt, lebt in einer Parallelwelt. Daran hat der Lockdown seit dem 17. März wenig verändert.

In einem gewissen Sinn herrscht in den Bundesasylzentren und in den kantonalen Rückkehrzentren (vormals «Notunterkünfte») ein permanenter Lockdown. Einzelpersonen und Familien leben in Mehrbettzimmern, sie sind zusammen mit Menschen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Im schlimmsten Fall kommen diese Menschen aus demselben Herkunftsland und sind Angehörige einer Partei, mit der man befeindet, vor der man vielleicht gar geflohen ist. Die Bewohner dieser Zimmer sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, jedes Geräusch im Schlaf wird wahrgenommen, nicht einmal umziehen kann man sich, wenn man dabei nicht gesehen werden will.

Wie beim allgemeinen Lockdown gibt es keine Ausgangssperre – im Bundesasylzentrum Embrach sind die Ausgangszeiten unverändert zwischen 9 und 17 Uhr. Dieses Zentrum liegt direkt neben dem Wald, dahin kann man sich zurückziehen. Auch Aldi und Bahnhof sind gut zu Fuss erreichbar. Doch wohin soll man gehen, wenn man kein Geld hat? Maximal 140 Tage verbringen die Asylsuchenden im Bundesasylzentrum. Am gesellschaftlichen Leben können sie in dieser Zeit kaum teilnehmen, und das ist auch nicht vorgesehen, solange das Asylverfahren nicht entschieden ist. Lockdown eben. Begleitet von der Unsicherheit, wie man da herauskommt, ob man in der Schweiz bleiben kann oder irgendwohin zurückkehren muss.

Ein ähnlicher Lockdown gilt in den Rückkehrzentren. Dort sind Menschen untergebracht, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die aber (noch) nicht ausgeschafft werden können. Auch hier gibt es keine Ausgangssperre, man muss nicht «zu Hause» bleiben bei den Menschen, mit denen man zufällig Zimmer, Küche und Bad teilt. Aber wohin soll man gehen ohne Mittel, ohne Ausweis? Die Polizei kann einen jederzeit festnehmen und wegen illegalen Aufenthalts in der Schweiz ins Gefängnis stecken.

Wenn ich mir diese oft heruntergekommenen Unterkünfte vor Augen halte, wird mir wieder klar, auf welch hohem Niveau wir seufzen, uns ärgern oder zumindest herausgefordert fühlen.

An Ostern habe ich von einem Mann in einem Rückkehrzentrum eine Nachricht bekommen: «Hast du gewusst, dass ein junger Mann hier war und Früchte, Snacks und Körper-pflegeprodukte gebracht hat? Ich bin so dankbar dafür und werde das nie vergessen. Bleib gesund und habe einen schönen Sonntag!»

Eine junge Frau, die ebenfalls in einem Rückkehrzentrum untergebracht ist, hat mir erzählt: «Ich wurde im Zug von einer älteren Dame angesprochen. Sie hat nach meiner Adresse gefragt und mir ein paar Mal eine Postkarte geschickt. Nun hat sie mir hundert Franken geschickt, weil aus hygienischen Gründen im Moment kein Bargeld ausbezahlt wird.»

Auch wenn solche kleinen Zeichen der Zuwendung das Migrations-Elend nicht verändern, sind sie von Bedeutung. Sie können Menschen, die sich im permanenten Lockdown befinden, in der Seele wohltun, über die materielle Hilfe hinaus.

Esther Bühler-Weidmann


Im Altersheim

«Per aspera ad astra» heisst es schon bei Seneca. Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen. Als die Corona-Thematik uns alle überrumpelt hat und die Welt von einem Tag auf den anderen Kopf stand, kam mir diese Redewendung in den Sinn. Wie geht man am besten mit einer Krise dieses Aus-masses um? Wie lässt sich im Altersheim das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Ansprüchen von Bewohnenden, Angehörigen und Mitarbeitenden effektiv austarieren? Es gilt, die Situation anzunehmen, wie sie ist – auch im Vertrauen darauf, dass es etwas Grösseres, Allumfassenderes gibt und nicht alles in unserer Hand liegt. Das öffnet den Blick und das Herz für neue Wege und macht innerlich frei.

Ich gebe zu, das ist kein einfacher Prozess. Die Angst, dass dieses Virus den Weg ins Ris findet, sitzt permanent im Nacken. Die Corona-Thematik verursacht einen wesentlichen Mehraufwand an Arbeit und schränkt die persönlichen Freiheiten ein. Wir müssen uns alle persönlich die Frage stellen, ob wir diese Herausforderung packen und unsere Verantwortung wahrnehmen wollen oder nicht. Dadurch hat es auch personelle Abgänge gegeben, die Lücken hinterlassen haben. Das bedeutet einen noch grösseren Arbeitseinsatz für das verbliebene Personal, und das zu einer Zeit, in welcher alle ohnehin schon sehr stark gefordert sind. Gleichwohl gelingt es dem Ris-Team, allen Widrigkeiten («per aspera») zum Trotz den Betrieb und die Moral aufrechtzuerhalten. Noch nie war für mich so viel Verbundenheit und gelebte Solidarität spürbar – Mitarbeitende, die bereit sind, auf freiwilliger Basis über sämtliche Ostertage zu arbeiten, Familien, die im Vorhof singen, Briefe, die unsere Bewohnenden aus der ganzen Schweiz erreichen, Kinderzeichnungen, die abgegeben werden, und das Personal, das über sich hinauswächst! Diese Zeichen erfüllen mich mit tiefster Dankbarkeit und bringen mich zur Überzeugung, dass wir auch die kommende Zeit, egal wie lange sie noch dauert, packen werden. Ich bin stolz auf unser ganzes Ris-Team!

Osterständchen im Alterszentrum Ris in Adliswil.

Osterständchen im Alterszentrum Ris in Adliswil. Foto: Beatrix Ledergerber

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Die grösste Risikogruppe für COVID-19-Ansteckungen sind und bleiben die Bewohnenden in Altersheimen. Bis jetzt wurde dem COVID-Virus kein Einlass ins Ris geboten – dies dank der Umsicht, der Weitsicht und der Bereitschaft auf Verzicht von der ganzen Equipe. Wir halten zusammen – zugunsten unserer Bewohnenden, die sich in dieser Zeit oft isoliert und einsam fühlen. Für sie wollen wir da sein, denn um sie allein geht es. Sie sind das Herz des Hauses. Das Besuchsverbot macht sowohl ihnen als auch den Angehörigen verständlicherweise sehr zu schaffen. Es ist hart, wenn man seine Liebsten über längere Zeit nicht sehen kann. Briefe, Telefonate und Kontakte über elektronische Medien helfen, das Gefühl einer gewissen Leere zu überbrücken, ersetzen den persönlichen Kontakt jedoch bei Weitem nicht. Mehr denn je gebührt den Bewohnenden unser Schutz, unser Mitgefühl und unsere liebevolle Unterstützung.

Gleichzeitig bieten all die Wirrnisse auch die Gelegenheit, Prozesse und Abläufe zu hinterfragen und zu optimieren. So sind wir überzeugt, dass wir trotz allem gestärkt aus der Corona-Krise herausgehen werden und mit viel Elan und frischen Ideen die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich anpacken werden («ad astra»).

Renato Marra

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Leserbrief

Der Artikel über Psychiatrie im Lockdown ist sicher gut gemeint und möchte zeigen, wie schwer Menschen in psychiatrischen Kliniken von den Folgen der Corona-Krise betroffen sind. Aber: Menschen, die nicht zuletzt aufgrund der zusätzlichen psychischen Belastung durch die Krise in eine Notsituation geraten und sich überlegen, in eine Klinik zu gehen, könnten durch solche, auf das Negative fokussierte Berichte davon abgehalten werden. Das ist ein Problem, das z.B. Pro Mente Sana mit einem Videochat (https://inclousiv.ch, Chat von Fr, 24.4.2020) angesprochen hat, in dem Klinikverantwortliche erklären, dass und wie ein Aufenthalt auch in diesen Zeiten hilfreich sein kann.

Karin Reinmüller, per Mail

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Die Seelsorgenden und Beratungsdienste der Zürcher Kirchen sind in der Corona-Krise auch online und per Telefon für Menschen in Not da. Unter dem Motto «Wenn beten allein nicht reicht» steht das Angebot Jung und Alt, unbesehen von Konfession oder Religion, kostenlos zur Verfügung.

www.zhkath.ch

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Melanie Berten ist als Klinikseelsorgerin in der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (ipw) sowie in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Rheinau tätig.

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Esther Bühler-Weidmann ist reformierte Pfarrerin und Seel-sorgerin im Bundesasylzentrum Embrach.

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Renato Marra leitet seit 2019 das Zürcher Altersheim im Ris.

Osterständchen im Alterszentrum Ris in Adliswil

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