Im Züripiet dihei

«Dranbleiben!»

Die Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie verändern das Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Lehre einschneidend. Urs Solèr, Leiter der Beratungsstelle kabel, zeigt Wege zur Bewältigung des neuen Alltags.

forum: Urs Solèr, wie erleben Sie die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in diesen Wochen?

Urs Solèr: Sie sind verunsichert und angespannt. Und zwar nicht nur Lernende, sondern auch Eltern und Lehrbetriebe.

Wo liegen die Herausforderungen für die Lernenden?

In der jugendlichen, meist auch unsicheren Lebensphase braucht es ein stabiles Umfeld. Was, wenn die ganze Gesellschaft verunsichert und instabil ist? Dann sind vermehrt Zukunftsängste, Einsamkeit, Konflikte zu Hause auftauchende Themen. Aber auch der digitale Unterricht, der Selbstdisziplin braucht. Fragen kommen zu den unregelmässigen Arbeitseinsätzen oder zur Betriebsschliessung, aber auch zu Mehreinsätzen wegen Personalmangel. Und dann ist auch noch nicht klar, in welcher Form die praktische Lehrabschlussprüfung durchgeführt wird – vor allem in Berufen wie Coiffeur oder Pflegefachfrau, wo Social Distancing nicht möglich ist. Immerhin ist jetzt klar, dass keine schulischen Abschlussprüfungen stattfinden.

Da sind auch die Eltern ganz schön gefordert  …

Ja, eindeutig. Auch wenn es Familien gibt, die mit der veränderten Situation gut umgehen können, so gibt es doch viele Mütter und Väter, die stark unter Druck kommen, weil sie selbst verunsichert sind und kaum Ressourcen haben, ihre Töchter und Söhne zu unterstützen.

Und das Zusammenleben auf oft engem Raum kann zu Spannungen und Konflikten führen – bei allen Familienmitgliedern.

Die Drähte laufen also heiss bei kabel?

Wir haben noch Spielraum, bauchen aber mehr Zeit, um für die unterschiedlichen Anfragen die nötigen Abklärungen treffen zu können oder zu vermitteln. Wie bei einer 17-Jährigen, die in Konflikt geraten ist, weil ein Familienmitglied zur Risikogruppe gehört und sie zu Hause bleiben sollte. Der Lehrbetrieb verlangt aber, dass sie in der Kinderkrippe arbeitet.

Was tun wir? Wir hören per Telefon oder Videochat zu und versuchen in diesem Fall, zwischen der Jugendlichen und dem Lehrbetrieb zu vermitteln.

Zudem handeln wir auch proaktiv: Junge Erwachsene, von denen wir annehmen müssen, dass sie in Schwierigkeiten sind, rufen wir an und bieten Unterstützung an.

Was raten Sie jungen Erwachsenen, die jetzt eine Lehrstelle suchen?

Dranbleiben! Den Kontakt mit Lehrbetrieben pflegen. Und zuerst anrufen, bevor sie die Bewerbungsunterlagen absenden. Natürlich hilft kabel auch beim Zusammenstellen der Bewerbungsdossiers.

Welche Tipps geben Sie fürs Homeoffice?

Mit dem Betrieb die Erwartungen bezüglich Arbeitszeiten klären. Nicht im Pyjama arbeiten. Den Arbeitsplatz einladend gestalten und die Zimmertüre schliessen. Den Tag strukturieren: Es gibt eine Zeit, um zu lernen und zu arbeiten, eine Zeit zum Chatten, eine Zeit für die Familie.

Was erweist sich sonst noch als hilfreich?

Hobbys pflegen: viel Bewegung – joggen, skaten, Velo fahren, was immer Spass macht. Und kreative Tätigkeiten wie Malen oder Musizieren.

Und den Austausch mit Gleichaltrigen pflegen – nun halt über soziale Medien oder Online-Tools.

Welchen Rat geben Sie den Eltern?

Innerhalb der Familie die Gestaltung des Tages absprechen. Und erst mal gut durchatmen, wenn Konflikte auftauchen. Die jungen Erwachsenen brauchen jetzt sehr viel Anerkennung und Respekt.

Was hilft uns allen?

Wir sollten positive Gedanken und Bilder verstärken und nicht unsere Ängste pflegen – von Ostern her denken und nicht vom Karfreitag – nicht auf die Krise fokussieren, sondern auf deren Überwindung.

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

kabel ist seit 1991 eine Fachstelle der katholischen und der reformierten Kirche im Kanton Zürich für die Beratung, Begleitung und Unterstützung rund um die Berufslehre.

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