Schwerpunkt

Die gar nicht so geheimen Archive des Vatikans

Wenige Menschen kennen die vatikanischen Archive so gut wie der Kirchenhistoriker Hubert Wolf.

Wie es im Vatikanischen Geheimarchiv aussieht, weiss jeder – zumindest, wenn er Dan Browns «Illuminati» gelesen hat. Für den Helden des Thrillers Robert Langdon wurde ein Lebens-traum wahr, als er endlich Zutritt erhielt. Und seine Vorstellungen von diesem geheimnis-umwitterten Ort dürften unseren weitestgehend entsprechen: «Langdon hatte sich staubige Bücherregale vorgestellt, die von alten, zerfledderten Folianten überquollen, Priester, die bei Kerzenlicht die Bestände katalogisierten, Bleiglasfenster und Mönche mit Federkielen über Schriftrollen.»

Aber als er das «Archivio Segreto Vaticano» endlich betreten durfte, war alles ganz anders. Langdon wurde – wie es Dan Brown eindrucksvoll beschreibt – in einen dunklen unterirdischen Raum geführt, der wie ein riesiger Flugzeughangar aussah, in den man ein Dutzend freistehender Squashspielfelder mit gläsernen Wänden eingebaut hatte. «Es waren Bücher-tresore, hermetisch gegen Feuchtigkeit und Wärme isoliert, luftdichte Kammern, die verhindern sollten, dass das alte Papier und Pergament zerfiel.» Sie zu betreten, war wegen des dort herrschenden Unterdrucks und des geringen Sauerstoffgehalts lebensgefährlich, wenn nicht von aussen ein «fremder Bibliothekar die Sauerstoffzufuhr regulierte».

100 Kilometer Aktenregale

Dan Brown hat damit in der Tat eine perfekte Kulisse für einen spannenden Thriller geschaffen. Nur muss man, seine Worte aufgreifend, sagen: Das Bild, das sich Dan Brown im Lauf der Jahre vom Archiv gemacht hat, könnte unzutreffender nicht sein. Die Szenerie ist nicht einmal gut erfunden.

Das Einzige, was wirklich stimmt, ist, dass für jeden Historiker, der in dieser einmaligen Sammlung arbeiten darf, ein Lebenstraum in Erfüllung geht. Das Vatikanische Geheimarchiv ähnelt jedoch einem Flugzeughangar so wenig wie einer gotischen Krypta. In den meisten Räumen stehen ganz normale, aber schier endlose Aktenregale, insgesamt rund hundert laufende Kilometer, überirdisch und unterirdisch.

Das Vatikanische Geheimarchiv ist jedoch das einzige Archiv der Welt, das man nur durch einen täglichen Grenzübertritt, und zwar von der Republik Italien in den Vatikanstaat, besuchen kann. Es öffnet um 8.30 Uhr und schliesst am Abend gegen 17.00 Uhr.

An der Porta Santa Anna, dem offiziellen Grenzübergang, zeigt man den Schweizergardisten seinen Benutzerausweis, dann kontrolliert die vatikanische Gendarmarie fünfzehn Schritte später noch einmal. Dann geht es zweihundert Meter Richtung Damasushof in den Vatikan hinein. Dort wendet man sich nach rechts und steht nach weiteren fünfzig Schritten vor dem Eingang zum Archiv.

Ausweis abgeben, Schlüssel für die Garderobe entgegennehmen, in den dritten Stock hochgehen, oder, falls man vatikanischen Aufzügen traut, hochfahren zum Benutzersaal, am Banco Schlüssel abgeben und sich in das Benutzerbuch eintragen, in die «Sala degli Indici» mit tausenden von hand- und maschinenschrift-lichen Inventaren und Verzeichnissen von Archivbeständen gehen, einige Signaturen identifizieren und drei Schachteln bestellen.

Dann heisst es etwa eine Stunde warten, bis das Archivmaterial kommt. In der Zwischenzeit werden weitere Indices gewälzt und weitere Signaturen notiert. Denn für den Nachmittag kann man noch einmal zwei Archiveinheiten bestellen.

Katholiken bleiben nicht unter sich

Der modern ausgestattete Lesesaal bietet Arbeitsplätze für etwa siebzig Forscher, von denen die meisten ihren Laptop dabeihaben. Zwar wird um angemessene Kleidung gebeten, aber gerade die jüngeren Historikerinnen und Historiker tragen manchmal auch Turnschuhe und Jeans.

Durch die grossen Fenster fällt der Blick auf einen Innenhof, wo ein kleiner Brunnen plätschert, und die Mitarbeiter der kleinen Cafeteria einen erstklassigen Cappuccino und ebenso leckere Cornetti servieren. Hier ist der einzige Ort im Archivbereich, an dem man reden darf. Hier trifft man Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Hier werden internationale Kongresse und Forschungskolloquien geplant, Gastvorträge abgemacht und Drittmittelprojekte besprochen. Für den fantasievoll mordenden Mönch aus Dan Browns Thriller wäre das vermutlich ein eher wenig inspirierendes Umfeld. Und lebensgefährlich ist es auch nicht.

Völlig haltlos ist auch der Vorwurf Dan Browns, der Zugang zum Vatikanischen Geheimarchiv sei nur besonders papsttreuen Katholiken, und hier wiederum nur Männern, erlaubt. Tatsächlich spielen das Taufbuch und das Geschlecht bei der Zulassung überhaupt keine Rolle. Ausschlaggebend ist allein der Nachweis wissenschaftlichen Könnens, bestätigt in der Regel durch den Professor oder die Professorin einer Universität. Mindestvoraussetzung ist aber der Abschluss eines akademischen Studiums in Geschichte, Theologie oder einer verwandten Wissenschaft mit dem Magister Artium oder heute eben einem Master.

Auf dem Weg zum Archiv.

Auf dem Weg zum Archiv. Foto: Privatarchiv Barbara Schüler

Die Forschungsgruppe aus Münster trägt sich am 2. März 2020 ins Benutzerbuch ein – und erhält damit Zugang zu den neu geöffneten Beständen aus der Zeit von Papst Pius XII.

Die Forschungsgruppe aus Münster trägt sich am 2. März 2020 ins Benutzerbuch ein – und erhält damit Zugang zu den neu geöffneten Beständen aus der Zeit von Papst Pius XII. Foto: Privatarchiv Barbara Schüler

Der modern ausgestattete Lesesaal bietet Arbeitsplätze für etwa siebzig Forscher.

Der modern ausgestattete Lesesaal bietet Arbeitsplätze für etwa siebzig Forscher. Foto: kna-bild.de

In der kleinen Cafeteria werden erstklassiger Cappuccino und ebenso leckere Cornetti serviert.

In der kleinen Cafeteria werden erstklassiger Cappuccino und ebenso leckere Cornetti serviert. Foto: Privatarchiv Barbara Schüler

1 | 1

Von geheim zu apostolisch

Seriöse Wissenschaftler glauben auch nicht, dass die katholische Kirche hinter den hohen Mauern des Vatikans den Heiligen Gral oder sonstige Geheimnisse versteckt, die den Bestand der Kirche gefährden könnten, wie Dan Brown schreibt. Sie kritisieren höchstens die Praxis des Papstes, nach Belieben bestimmte Bestände zugänglich zu machen und dabei keiner festen Frist zu folgen. Es ist also nicht so, dass bestimmte Aktengruppen wie in staatlichen Archiven nach Ablauf einer bestimmten Frist automatisch zugänglich werden, etwa Sachakten nach dreissig Jahren oder Personalakten nach fünfzig Jahren.

Aber der andauernde Hype um die Gerüchte über die Geheimnisse, die die Kirche angeblich in den Kellern des vatikanischen Archivs versteckt habe, hat sogar eine Institution wie die katholische Kirche, die eigentlich in Jahrtausenden denkt, unruhig werden lassen. Deshalb wurde im Herbst letzten Jahres das «Vatikanische Geheimarchiv» in «Vatikanisches Apostolisches Archiv» umbenannt.

Damit ging eine über vierhundert Jahre dauernde Geschichte zu Ende, denn Papst Paul V. richtete 1610 das «Geheimarchiv des Vatikans» dort ein, wo es sich bis heute befindet. Freilich gibt es bereits seit dem vierten Jahrhundert verlässliche Zeugnisse für die Existenz von Archiven des Bischofs von Rom. Seither wuchs dem Archiv des Papstes kontinuierlich immer mehr Material zu.

Neues Licht auf Pius XII.

Erst im Jahr 1881 machte Leo XIII. das Archiv erstmals allgemein der historischen Forschung zugänglich, zunächst freilich nur die mittel-alterlichen Bestände. Dann folgten bald Quellen aus der Epoche der Frühen Neuzeit.

Es kristallisierte sich immer mehr die Praxis heraus, dass im Abstand von zehn bis zwanzig Jahren ein Pontifikat nach dem anderen zugänglich gemacht wird. Dabei entscheidet der Papst als Inhaber des Archivs allein, wann welche Bestände geöffnet werden. So wurde in den 1990er Jahren die Bestände Benedikts XV. (1914–1922) geöffnet. 2006 folgte der Pontifikat Pius’ XI. (1922–1939).

Am 2. März dieses Jahres folgten endlich alle Akten Pius’ XII. (1939–1958). Dabei handelt es sich allein für diesen Zeitraum um rund 200 000 archivalische Einheiten – also Schachteln, Büschel, Faszikel – mit jeweils bis zu tausend Blatt. In den anderen vatikanischen Archiven – hier sind vor allem das Archiv des päpstlichen Staats-sekretariats und das der Glaubenskongregation zu nennen – gibt es noch einmal so viel Mate-rial, das neu zugänglich wurde.

Leider machte Covid-19 den Forschern bereits nach fünf Tagen einen Strich durch die Rechnung: Alle vatikanischen Archive wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ob es in diesem Jahr wieder aufmacht, steht in den Sternen – oder besser: liegt in Gottes Hand.

Dabei steht der Pontifikat Pius’ XII. im Fokus des wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses. Denn dieser Papst gilt als eine der umstrittensten Persönlichkeiten des 20.  Jahrhunderts. Für seine Gegner war er schlicht «Hitlers Papst», für seine Anhänger, die ihn unbedingt zur Ehre der Altäre erhoben sehen wollen, einer der grössten Wohltäter des jüdischen Volkes. Warum hat er zum Holocaust geschwiegen? Warum konnten nach 1945 NS-Verbrecher mithilfe des Vatikans nach Südamerika entkommen? Und warum hat Pius XII. drei Jahre nach Ende der Ermordung von sechs Millionen Juden den Staat Israel nicht anerkannt?

Ergebnisoffen forschen

Diese und viele andere Fragen können nur mithilfe der vatikanischen Quellen sachgerecht beantwortet werden. Und an dieses Material müssen ergebnisoffene Fragen gestellt werden, jenseits von Apologie und Polemik. Und natürlich gibt es einen wissenschaftlichen Wettstreit, manchmal sogar mit Wetten, wer welches Dokument zuerst findet. Aber es ist eine faire Auseinandersetzung. Und die Ergebnisse dürfen offen publiziert werden.

Eine Zensur findet im vatikanischen Archiv nicht statt. Gefährlich sind das Archiv und seine allzeit hilfsbereiten Mitarbeiter in gar keinem Fall – luftdichte Unterdruckkabinen mit mordenden Mönchen, die die Sauerstoffzufuhr abstellen, gehören ohnehin ins Reich der Phantasie. Ärgerlich sind aber die Ignoranten in Kirche und Öffentlichkeit, die sich auch von eindeutigen Quellenbeweisen nicht überzeugen lassen, sondern alles schon im Vornehinein wissen. Für sie ist auch jahrelange Arbeit in den vatikanischen Archiven vergeblich Liebesmüh.

Hubert Wolf

Angebot laufend

Covid-19 stoppt Forscherteam

Nur fünf Tage lang konnte Hubert Wolf den historischen Moment auskosten. Am 2.  März waren endlich die Akten zum Pontifikat von Pius  XII. der Forschung zugänglich gemacht worden. Ein höchst umstrittener Papst. Für die einen ein Heiliger, Freund und Retter der Juden. Für die anderen «Hitlers Papst», ein mutloser Zauderer, der den Schutz der katholischen Kirche über alles andere stellte.

Die Forscher aus Münster waren die Allerersten, die ins Archiv gelassen wurden. Sieben von dreissig Arbeitsplätzen konnten sie sich ergattern. 200 000 Schachteln mit Millionen von Blättern warteten darauf, von ihnen unter die Lupe genommen zu werden.

Bereits am 6. März machte Covid-19 dem Historikertraum ein jähes Ende. Die Archive des Vatikans wurden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Jetzt wurden die vollendeten Abschriften erst recht kostbar.

Hubert Wolf schätzt, dass die Aufarbeitung der gesamten Amtszeit von Pius  XII. an die zehn Jahre in Anspruch nehmen wird. Bereits die ersten Tage brachten erschütternde und spektakuläre Funde, die ein neues Licht auf Pius XII. werfen.

Ab wann die Münsteraner die vatikanischen Archive weiter durchforsten können, ist allerdings ungewiss.

Thomas Binotto

Text: Hubert Wolf, Kirchenhistoriker

Angebot laufend

Hubert Wolf (*1959) ist einer der renommiertesten Kirchenhistoriker der Gegenwart. Dem Leibniz-Preisträger von 2003 gelingt es auf herausragende Weise, Kirchengeschichte interdisziplinär zu vernetzen – und zwar innerhalb der Theologie wie in der gesamten Geisteswissenschaft. Seit 1999 ist Hubert Wolf Professor für Kirchengeschichte an der Wilhelms-Universität im westfälischen Münster. Mit seinen Publikationen gelingt es ihm immer wieder, über den universitären Diskurs hinaus ein breites Publikum anzusprechen.

Angebot laufend

Der Papst, der wusste und schwieg

In einem Dossier für das Wochenmagazin «Die Zeit» (Ausgabe 18/2020) geben Hubert Wolf und sein Forscherteam erste Einblicke in ihre Funde aus den Archiven des Vatikans.

www.zeit.de

Bericht zur Öffnung der Archive (Tagesschau ARD)

Neues Licht auf Pius XII. (Rundschau BR)