Gott und die Welt

Eine Karriere nach unten

Madeleine Schildknecht träumt von sozialer Gerechtigkeit. Sie wird Baldegger Schwester und riskiert einen Aufbruch. Von der Freiheit, sich fallen zu lassen – und unten anzukommen.

Sarajevo, Herbst 2004, Seminar für Fachkräfte in der Jugendarbeit. Schwester Madeleine steht am Wegrand und fokussiert ihren Blick: Auf eine junge Frau, die knapp zwei Meter erhöht auf einem grossen Stein steht. Die junge Frau soll sich fallen lassen, von oben hinunter, in die Hände ihrer Kolleginnen und Kollegen, die sie auffangen wollen. «Vertrauensfall» heisst die Aufgabe. Schwester Madeleine ist gespannt. Wird sich die Frau, eine ihrer Fachkräfte in der Jugendarbeit, wirklich fallen lassen? Die Schwester hat das Seminar organisiert und beobachtet nun den Prozess. Natürlich kennt sie die jungen Menschen hier, begleitet sie, nimmt sie wahr, versucht ihnen Aufgaben zu geben, die ihnen entsprechen. Einige haben sich heute schon fallen gelassen. Klar. Bei ihr nun wäre Madeleine überrascht. Die anderen offenbar auch, sie beginnen sich zu nerven. In diesem Moment wird aus der Beobachterin Madeleine intuitiv die Akteurin: Ob sie statt der Kollegin die Übung machen solle, fragt sie in die Runde. Die junge Frau ist entlastet und alle Augen sind auf Madeleine gerichtet. «Ich brauchte sehr viel Überwindung, weil ich auch unsicher war und wirklich Berührungsangst hatte», weiss die Schwester bis heute. Sie überwand sich – und liess sich fallen. Danach auch die junge Frau, «ohne zu zögern».

Gefragt nach einem abenteuerlichen Moment, erinnert sich Madeleine Schildknecht an diesen. Sie hatte sich tatsächlich fallen gelassen. In diesem Moment ist aber auch gelungen, was sie mit all ihrer Arbeit erreichen wollte: «dass die jungen Menschen lernen, sich füreinander zu engagieren». Dafür hatte sie 2002 «NARKO-NE» gegründet, einen Verein mit Sitz in Sarajevo, der heute in ganz Bosnien und Herzegowina Projekte zur Suchtprävention organisiert. Suchtprävention durch «gesunde Alternativen»: Theater, journalistisches Arbeiten, kreative Sommerwochen, ein Mentorensystem, bei dem Studierende die Patenschaft für ein Kind übernehmen. Eines kam zum anderen. Heute engagieren sich laut Website neun Fachleute und rund 170 Freiwillige. «Ich habe sehr viel Energie investiert, Leute vor Ort aufzubauen. Meine ersten Mitarbeitenden waren Studienabgänger, die keine Chance hatten, eine Arbeit zu finden. Sie und die Freiwilligen, mit denen sie arbeiteten, hätten in eine Sucht abrutschen können, wie viele zu dieser Zeit.» Und viele, bis heute.

Es waren die Jahre nach dem Bosnienkrieg. Häuser, Schulen, Kirchen und Moscheen lagen in Trümmern, so zeigen es auch die Fotos in Schwester Madeleines Alben, in denen sie ihre erste Zeit in Bosnien und Herzegowina liebevoll dokumentiert hat. Im Jahr 2000 war sie angekommen, nur fünf Jahre nach Kriegsende. «Mein Eindruck war, dass viele traumatisiert waren. Therapie gab es keine. Da habe ich es als sinnvoll angesehen, den Jungen ein Arbeitsfeld zu bieten, in dem sie ihre Potenziale entfalten können.» Besonderheit: kroatische, serbische und bosniakische Jugendliche arbeiten zusammen. Katholische, orthodoxe und muslimische Menschen. Das war gegen den politischen Trend damals, und ist es auch heute. Als Schwester Madeleine die operative Leitung von «NARKO-NE» abgab, 2015 mit 62 Jahren, übergab sie sie an Amir Hasanovi, diplomierter Sozialarbeiter – und Muslim.

Der Vertrauensfall im Herbst 2004.

Der Vertrauensfall im Herbst 2004. Foto: Privatarchiv Madeleine Schildknecht/zvg

In den Projekten arbeitete Schwester Madeleine mit kroatischen, serbischen und bosniakischen Jugendlichen zusammen.

In den Projekten arbeitete Schwester Madeleine mit kroatischen, serbischen und bosniakischen Jugendlichen zusammen. Foto: Privatarchiv Madeleine Schildknecht/zvg

Zehnjähriges Jubiläum von NARKO-NE 2012.

Zehnjähriges Jubiläum von NARKO-NE 2012. Foto: Privatarchiv Madeleine Schildknecht/zvg

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Seither ist es ruhiger geworden um Schwester Madeleine. Weiterhin versucht sie das zu erfüllen, was sie als ihre «Mission» buchstabiert: «etwas in der Zukunft zu sehen, das mit meinem eigenen Lebensplan zu tun hat». Denn obwohl sie ihre «Karriere nach unten» nach Bosnien und Herzegowina geführt hat, sieht sie sich weiter unterwegs nach «unten», immer wieder neu. Zusammen mit dem Franziskanerorden hat sie begonnen, ein nachbarschaftliches Netzwerk für alte Menschen aufzubauen. Womöglich wird sie selbst dort alt werden, in jenem Land, in das sie damals mit 47 Jahren aufgebrochen ist, um «unter Menschen zu leben, die von Frieden und Gerechtigkeit ausgeschlossen sind».

Im Blick zurück sagt Madeleine Schildknecht: «Der Aufbruch damals, das war ein Akt der Selbstbestimmung. Bei uns gehört es nicht zur Regel, dass Schwestern alleine gehen und noch dazu in eine Aufgabe, die niemand kennt.» Die Ordensleitung hatte ihr diesen «persönlichen Suchweg» zugestanden. In einer Zeit, in der die Schwesterngemeinschaft kleiner wurde und Madeleine sich als eine der jüngeren Schwestern ernste Sorgen um die Zukunft des Ordens machte. «Ein Aufbruch einer kleinen Schwesterngemeinschaft» – den Madeleine mit ihrem eigenen Aufbruch von Baldegg verband – «hat nicht stattgefunden. Unsere Gemeinschaft wird definitiv immer kleiner und älter», weiss sie heute. Resigniert? «Das heimliche Feuer unter der Asche brennt weiter», sagt sie nur und zählt auf, woran sie dabei denkt: die Anteilnahme der Mitschwestern, ihre Beziehungen zu Menschen, die sie fachlich und finanziell unterstützen, die Lebensfreude der Jungen.

Persönlich hat sie gefunden, wonach sie suchte: «sozial und gerecht zu leben – eine Karriere nach unten». Schwester Madeleine erinnert sich an den Moment, als sie sich von dem grossen Stein fallen liess: «Da ging mir auf, dass es wohl noch viel schwieriger ist, mich wirklich in Gott hineinfallen zu lassen. Nach und nach verstand ich, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Mein Weg half mir, die Angst abzulegen, vor ihm, vor den Menschen und vor dem Leben.»

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Drei Fragen

Aufbruch: Wer waren Sie damals, als Sie aufgebrochen sind?

«Ich war Lehrerbildnerin und habe sehr gern unterrichtet. Ich war gut organisiert und habe sorgfältig geplant. Das konnte ich wirklich gut. Als ich aufgebrochen bin, stand ich an einer Lebenswende. Ich hatte den Eindruck, dass ich jetzt den Weg gehe, den ich eigentlich mein ganzes Leben gehen wollte.»

Initiation: Wer ist aus Ihnen geworden durch die Zeit in der Mission?

«Ich glaube, ich habe eine Wende gemacht, von den Strukturen hin zu den Räumen dazwischen. Meine Intuition hat sich entwickelt, aus der Situation herauszuschauen, was jetzt dran ist, was anderen und mir selbst weiterhilft.»

Rückkehr: Wer sind Sie heute, mit Ihren Erfahrungen im Gepäck?

«Jetzt, mit 66 Jahren, habe ich einen grossen Erfahrungsschatz: aus der Jugendarbeit, aus der Entwicklung und Leitung von Projekten in Suchtprävention und Gesundheitsförderung. Was ich gelernt habe, nutze ich weiter für Projekte für und mit Betagten. Ich schaue immer wieder, was mir all die Jahre Leben und Energie gegeben hat. Daran versuche ich anzuknüpfen.»

Text: Veronika Jehle

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Ordensleute und Abendteuer

Früher wie heute gibt es Menschen, die mit einem Auftrag in unbekannte Länder gehen. Sie lassen Vertrautes zurück, begegnen Fremdem und kehren verändert zurück. Diese drei Schritte sind auch die Struktur von Mythen und Heldinnenlegenden. In dieser Serie fragen wir Menschen, die für einen Orden mit einer Mission unterwegs sind, nach ihrem Abenteuergeist.

Filmbeitrag über Sr. Madeleine Schildknecht (Deutsche Welle)

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Lebenslauf

1953: Geburt in Bischofszell (TG)

1974: Primarlehrerdiplom in Baldegg (LU)

1974–1977: Primarlehrerin in Eschlikon (TG)

1977: Eintritt ins Kloster Baldegg (LU)

1985: Lizentiat in Psychologie, Pädagogik und Publizistik

1984–2000: Lehrerinnenbildung am Seminar Baldegg

2000: Ausreise nach Bosnien und Herzegowina; Spracherwerb in Banja Luka

2001: Aufbau des Vereins «NARKO-NE» in Sarajevo

2002: Start der Projekte mit Jugendlichen in ethnisch gemischten Gruppen

2004: Start der Mentoring-Programme von Studierenden für Kinder

2015: Rückzug aus der Geschäftsleitung von «NARKO-NE»

2017: Aufbau von «Community Care» für Betagte in Zentral- und Ostbosnien

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Verein «NARKO-NE»

«NARKO-NE» ist eine Wortschöpfung: «Narko» ist der erste Teil von «Narkotika» – Betäubungsmittel, «Ne» heisst Nein. Nein zu Betäubungsmitteln aller Art.

http://www.prevencija.ba/de/