Was ich einmal war...

Thomas Lichtleitner, heute Gemeindeleiter

In der Pfarrei St. Anna in Opfikon Glattbrugg meistert Thomas Lichtleitner als Gemeindeleiter den Corona-Ausnahmezustand. Privat ist er gerade als Coiffeur gefragt. Auch darin ist er ein Profi.

Als eine der ersten Branchen durften die Coiffeursalons nach der Lockerung des Lockdowns wieder öffnen. Dem Bundesrat war offensichtlich klar, dass die Verschönerung der Haare wesentlich auch zur Pflege der Seele beiträgt. Und was könnte denn wichtiger sein – nicht nur in Corona-Zeiten.

Dies macht Thomas Lichtleitner zum «doppelten Seelsorger»: Der Diakon ist Theologe mit juristischem Abschluss in Kirchenrecht – und Coiffeur.

Er sei erblich belastet in dieses Metier reingerutscht, erklärt der gebürtige Bayer am Telefon. Aufgewachsen in der Familienwohnung über dem elterlichen Friseurgeschäft, habe sich bereits in seiner Kindheit vieles um dieses Handwerk gedreht. Als Jugendlicher half er bald aktiv im Geschäft mit, das einst sein Grossvater aufgebaut hatte – und begann seinen Eltern zu Liebe die Coiffeurlehre.

Schnell jedoch wurde ihm klar, dass dies nicht sein Lebensweg sein würde. Der Kontakt zu den Menschen sollte zwar weiterhin im Mittelpunkt seiner Tätigkeit stehen, aber vertiefter, umfassender. «Und da kommt der Pfarrer meiner Heimatpfarrei, durch den ich im Glauben verwurzelt war, ins Spiel: Er ermutigte mich zum Theologiestudium.»

Ganz an den Nagel gehängt hat Thomas Lichtleitner die Coiffeurschere in den letzten 34 Jahren allerdings nie. Während des Studiums verschönerte er seine Kommilitoninnen und Kommilitonen, und bis heute schneidet er die Haare seiner Frau und seiner zwei Söhne – auf «freiwilliger Basis», wie er schmunzelnd betont.

«Im Coiffeursalon habe ich das Rüstzeug für meine spätere seelsorgerliche Praxis erhalten», sagt der Diakon mit Überzeugung. «Der Austausch ist in höchstem Masse kommunikativ – die ersten 5 Minuten wird über die Frisur geredet, anschliessend kommen die Politik und persönliche Themen zur Sprache.» In den Begegnungen habe er nicht nur sich selber kennengelernt, sondern auch erfahren, wo den Menschen «der Schuh drückt.»

Seit 2000 leitet Thomas Lichtleitner mit grossem Engagement die Pfarrei St.  Anna in Opfikon-Glattbrugg. Den «Umweg» über den Coiffeur-Beruf empfindet er als grosse Bereicherung: «Das Erlernen eines Handwerks ist eine segensreiche Erfahrung in meinem Leben, die ich nicht missen möchte. Man ist in einem seelsorgerlichen Beruf besser aufgestellt, wenn man zuvor Erfahrungen mit Menschen in anderen Berufen geteilt hat.» Zudem, fügt er schalkhaft an, sei er so bis heute auch ein bisschen in der Modewelt zu Hause. «Und das ist doch cool, nicht wahr?»

Text: Pia Stadler

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Nicht nur nach Rom führen viele Wege, sondern auch zur Theologie. Wir porträtieren in loser Folge Seelsorgerinnen und Seelsorger im Kanton Zürich, die zuvor einen andere Beruf erlernt haben.

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Thomas Lichtleitner ist Diakon und Gemeindeleiter in der Pfarrei St. Anna in Opfikon Glattbrugg.

www.sankt-anna.ch