Editorial

Weit weg und doch ganz nah

Noch nie hat uns die Frage nach Distanz und Nähe derart flächendeckend umgetrieben wie jetzt. Das passt gut zum Fest Christi Himmelfahrt, das wir am 21. Mai feiern.

Irgendwann wurde mir bewusst: bis ich meine Eltern wieder besuchen darf, könnte es noch Monate dauern – bis ein Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung steht. Soll ich es daher trotzdem wagen, mit Schutzmaske und Distanz? Was ist unverantwortlich und was hilfreich? Denn auch gelebte, erfahrene Beziehungen sind lebensnotwendig ...

Perplex vor der Frage über Nähe und Distanz standen auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu nach dessen «Himmelfahrt». Die Apostelgeschichte schreibt, sie hätten unverwandt ihm nach zum Himmel geschaut. Eine grössere Distanz als jene zwischen Himmel und Erde gibt es ja gar nicht. Kurz vorher hatte Jesus aber zu ihnen gesagt: «Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28,20). Wo war er jetzt, ihr Freund, ihr Lehrer, jener, der sie begeistert, der ihnen Sinn im Leben schenkte? Ganz nahe oder ganz weit weg?

Diese Spannung aushalten – das macht unser Leben aus. Auch heute, im Nicht-Wissen, wie es weitergeht, wann wir unsere Lieben wieder unbesorgt besuchen können, wann unsere Geschäfte sich von der Krise erholt haben, wann das Pfarreileben in physischer Gemeinschaft wieder möglich sein wird ...

Während die Jünger noch «unverwandt nach oben schauten» treten zwei Gestalten in weissen Gewändern zu ihnen und sagen: «Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?» Sie ermutigen die erstarrten Jünger, den Blick zu lösen und den Auferstandenen freizugeben. Nun ist er nicht mehr nur für seine engen Freundinnen und Freunde, die mit ihm durch Galiläa zogen, da, sondern für alle.

Das ermutigt auch uns, Jesus nicht zu vereinnahmen für eigene Interessen und Zwecke, sondern uns von ihm einnehmen zu lassen. Aus dieser Beziehung heraus können wir unseren Alltag bestreiten und die notwendigen Entscheidungen, wo wie viel Nähe und wo die nötige Distanz geboten sind, treffen. Nicht mit der Sicherheit, immer das Richtige zu tun, sondern im Wissen, dass gerade in der Unsicherheit «alle Tage bis ans Ende der Welt» Gott bei uns ist.

Text: Beatrix Ledergerber