Impuls zum Kirchenjahr: Pfingsten

Alles schläft, einsam wacht

Lösen diese Worte bei Ihnen Vertrautheit und Gemütlichkeit aus? Oder eher die Irritation, in der falschen Jahreszeit abgeholt zu werden?

Auch wenn gerade niemand nach «Stille Nacht» verlangt – wie sich der Sommer trotz Social Distancing gestalten lässt, das interessiert uns alle.

Deshalb verstehe ich die bekannten Worte aus dem Weihnachtslied vor dem aktuellen Hintergrund: Sprechen sie nicht unsere Einsamkeit an? Sind wir nicht bereits so weit voneinander getrennt, dass wir das Gefühl bekommen, alle anderen finden Ruhe, nur meine eigene Unruhe raubt mir den Schlaf?

Mir kommen dazu die Worte von Hermann Hesse aus dem Gedicht «Im Nebel» in den Sinn: «Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein.» Hinter dieser Einsamkeit erahne ich die Sehnsucht, geliebt zu werden und lieben zu können – und den Schmerz über die Verwundung dieser Sehnsucht.

Während diese Texte vom Einsamsein sprechen, steigen in mir weitere Worte auf. Es sind Worte aus der Pfingst-sequenz des bedeutenden mittelalterlichen Theologen Stephen Langton († 1228). Darin wird der Hl. Geist angerufen: «Tröster in Verlassenheit. In Ermüdung schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod.»

Dieses pfingstliche Gebet geht von unserer Verlassenheit und Einsamkeit aus, von unserer Sehnsucht nach Ruhe, Entspannung und Trost. Und es traut Gottes Geist zu, unsere Wunden zu kennen und gerade darin zu wirken.

Pfingstlicher Glaube ist dabei nicht billiger Trost, beten wir doch etwa in Psalm 139,7: «Wohin kann ich gehen vor deinem Geist, wohin vor deinem Angesicht fliehen?» Offenbar ist dieser Geist unangenehm. Würden wir als Einzelne und als Kirche nicht lieber unsere Wunden lecken? Uns als von der Welt unverstanden und ungeliebt zurückziehen?

Das lässt der Hl. Geist nicht zu. Pfingsten führt Weihnachten weiter: Gott sucht unsere Verwundungen auf. So sollen auch wir menschliche Verwundungen aufsuchen und dabei die Sehnsucht nach Gottes Liebe aufrechterhalten. Pfingsten lässt uns nicht selig schlafen, sondern rüttelt auf. Der Geist lehrt uns, Liebe zuzulassen und Liebe weiterzuschenken. An Pfingsten muss die Kirche deshalb wachen – damit andere in ihrer Einsamkeit Trost finden.

Text: Abt Urban Federer

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Abt Urban Federer
Der 1968 geborene und in Zürich aufgewachsene Urban Federer ist seit 2013 Vorsteher der Benediktinerabtei Einsiedeln. Im Paulusverlag ist von ihm eine Sammlung mit Meditationen zum Kirchenjahr unter dem Titel «Quellen der Gottesfreundschaft» erschienen.