Gleichnisse aktuell: Vom Fischernetz

Hätte ich mich mit Jesus verstanden?

Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, ob ich mich charakterlich wohl gut mit Jesus verstanden hätte.

Ging es Ihnen auch schon so, nach dem Lesen von belastenden Bibelstellen? Oder müssen wir das als gotteslästerlichen Gedanken verdrängen? Denn Jesus ist doch unser Retter und Erlöser. Darf ich dann die Frage stellen, ob ich auf einer einsamen Insel mit ihm Streit bekommen hätte? Oder, ob er mir durch manche seiner Äusserungen nicht sympathisch gewesen wäre und sogar Angst gemacht hätte … wie zum Beispiel durch das Gleichnis vom Fischernetz?

Ich habe manchmal die Bemerkung gehört, dass Jesus selbst nicht von der Hölle sprach, sondern die Kirche seine Aussagen später so gedeutet hat. Oder haben wir es hier im Gleichnis doch mit einem Originalzitat des historischen Jesus zu tun? Ausschliessen kann man es nicht. Es tröstet mich auch nicht sehr, wenn Fachpersonen beschwichtigend auf die Textgattung verweisen. Natürlich ist das ein Gerichtsgleichnis und daher eine Mahnrede Jesu. Trotzdem relativiert das nicht die ganze Aussage. Vielleicht wollte der Evangelist Matthäus circa hundert Jahre nach Tod und Auferstehung von Jesus damit auch seine Gemeinde wachrütteln. Solche Überlegungen sind legitim und sinnvoll.

Noch mehr hilft mir in Bezug auf diesen Text die Gesamtschau der Evangelien und meine persönliche Christusbeziehung. Die Bibel zeigt uns einerseits Jesus als Menschen einer Zeit, in der beispielsweise die Vorstellung einer Hölle verbreiteter war als im späteren Judentum. Anderseits erahnen wir den zeitlosen Messias in Jesu Sprechen, wenn er revolutionär die unermessliche Liebe Gottes verkündet. Für mich ist das der Kern der Person Jesu, die durch alle Zeitgebundenheit hindurchleuchtet. Die Liebe, die der historische Jesus verkündete, schuf die Verbindung zum auferstandenen Christus des Glaubens.

Es kann also durchaus sein, dass ich mit Jesus als historischem Menschen Konflikte gehabt hätte. Aber das ist ja auch nicht weiter schlimm, sondern menschlich. Als Auferstandener hingegen rückt er für mich schwierige Bibelstellen in ein anderes Licht. Von daher freue ich mich jetzt schon auf meine Begegnung mit Christus – nicht auf einer einsamen Insel, sondern in der gemeinschaftlichen Ewigkeit.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Katholische Pfarrei Volketswil