Editorial

Meine Pfingstvision

Ja, ich habe Ideen und Gedanken zu der Zeit, die nun kommt. Ja, ich habe eine Vision für unsere Kirche.

Als Erstes freue ich mich auf den 28. Mai, ab dem öffentliche Gottesdienste wieder möglich sind. Wenn wir uns dann als christliche Gemeinschaft treffen, würde ich zuallererst gern von den Menschen der Gemeinde hören: Was haben sie erlebt und wie waren sie mit Jesus unterwegs, in diesen Zeiten der Isolation? Ja, wir haben Brot gebrochen und Wein getrunken, wir haben das Wort Gottes gelesen, gedeutet und auch verstanden – so in etwa würden wir einander vielleicht erzählen. Dann würden die Gemeindeleitenden Aufgaben verteilen, die Anwesenden ermuntern, und man würde genau das tun; an diesem Sonntag einfach im grösseren Kreis, Hauskirche im Pfarreisaal.

Ich würde es auch geniessen, dass der Druck kleiner würde. Die Perfektion, in einem Gottesdienst alles und jedes lupenrein vorbereitet, theologisch hyperreflektiert und in gedrechselten Wortkunstwerken ausgedrückt zu haben. Leitung bestünde dann darin, zu erkennen, wer heute die Gabe des Wortes hat. Kompetenz wäre, Charismen und Berufungen wahrzunehmen. Verantwortung, die Leute zu dem zu ermächtigen, was in ihnen steckt. Ist diese Vision nicht eigentlich uralt? Dann könnte ein betagter Kirchenmann sagen: «Ich habe meinen Dienst getan.» Und eine begabte Katechetin: «Ich kann Gottesdienste gestalten.» Vor allem könnten wir wieder «ich» sagen: zu dem stehen, was in uns ist und wozu uns die Geistkraft schon seit Langem zu bewegen sucht.

Man würde nicht mehr sagen: In die Kirche gehe ich kaum noch. Man würde wieder sagen: Wir sind als Kirche unterwegs. Pfingsten? Vielleicht. Zumindest eine Erfahrung dieser Art.

Text: Veronika Jehle