Kulturtipp

Nonnen – starke Frauen

Zehn Prozent der Frauen lebten zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert in einer religiösen Gemeinschaft. Diese Lebensform gewährte ihnen Wissen, Macht und Einfluss in Kirche und Staat.

Ich, eine Zisterzienserin aus dem 21. Jahrhundert, begegne im Landesmuseum in Zürich Nonnen aus dem Mittelalter. Einladend heissen sie mich beim Start des Rundgangs willkommen. Ich tauche ein in die Welt «meiner Mitschwestern».

Zu Beginn erhalte ich Informationen zu dem Lebensmodell Kloster, den verschiedenen religiösen Lebensformen, der Blütezeit der Frauenklöster im 11. und 12. Jahrhundert, dem Umbruch und Wandel ab 1350, den Reformen im 14. und 15. Jahrhundert sowie der Reformation im frühen 16. Jahrhundert.

Beim Gemälde einer jungen Frau trete ich wie mit ins Kloster ein und lerne verschiedene Ordensregeln, den Tagesablauf und mit grossformatigen Bildern die Aufgaben und Ämter der Nonnen kennen. Ich schmunzle, eigentlich begegne ich da meinem durch Gebet und Arbeit strukturierten Alltag. Auch die Aufgaben der Nonnen im Mittelalter stimmen mit unseren überein. Wir arbeiten wie sie im Klosterhaushalt, im Garten, in der Verwaltung und werden von Laien unterstützt in der Bildung junger Frauen und bei der Bewirtschaftung des Landes.

Doch bei der Darstellung der Klosterchefinnen – Äbtissinnen, Priorinnen und Meisterinnen – öffnet sich der Blick für Neues. Die Äbtissinnen des Mittelalters verfügen neben der organisatorischen und geistlichen Führung ihres Klosters über ausserordentliche Machtbefugnisse. Sie pflegen Kontakt zu höchsten kirchlichen Würdenträgern, Königen und Kaisern. Sie herrschen über Städte und Dörfer, üben die Gerichtsbarkeit aus, empfangen wie Elisabeth von Wetzikon (1235 –1298) Könige, lassen eigene Münzen prägen und beeinflussen das Wirtschaftsleben in hohem Mass. Gering ist jedoch der Einfluss der Äbtissin des Fraumünsters Zürich im Vergleich zu jenem von Pétronille de Chemillé im französischen Doppelkloster Fontevraud.

Blick in die Ausstellung «Nonnen» im Zürcher Landesmuseum.

Blick in die Ausstellung «Nonnen» im Zürcher Landesmuseum. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Blick in die Ausstellung «Nonnen» im Zürcher Landesmuseum.

Blick in die Ausstellung «Nonnen» im Zürcher Landesmuseum. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Herrad von Landsberg und ihre Gemeinschaft des Klosters Hohenburg, Elsass (Ausschnitt).

Herrad von Landsberg und ihre Gemeinschaft des Klosters Hohenburg, Elsass (Ausschnitt). Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

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Bei den Gelehrten unter den Nonnen staune ich über Herrad von Landsberg des Klosters Hohenburg, Elsass. Sie gehört zu den herausragendsten Universalgelehrten ihrer Zeit. Sie verfasst u. a. eine Enzyklopädie, komponiert und malt. Auf einem Bild zeichnet sie jede ihrer Nonnen individuell und beschriftet sie. Ich bin fasziniert von diesem Exponat und weiteren Ausstellungs-objekten: Handschriften aus Pergament und Papier, kunstvoll gestickten Wandbehängen, Holzskulpturen, filigranen Silber- und Goldschmiedearbeiten. Sie unterstreichen das Bild dieser mächtigen Frauen, von denen ich 15 Repräsentantinnen in Ton und Bild kennenlerne.

Einzig bei der Frömmigkeit und Spiritualität driften unsere Wege weit auseinander. Askese durch Geisselung oder die Jesuskind-Verehrung des 13. Jahrhunderts sind mir fremd. Bestimmt aber ist das Gebet den Nonnen eine Hilfe bei den Prüfungen des 14. Jahrhunderts oder dann bei der Frage «Gehen oder Bleiben» zur Zeit der Reformation.

Beglückt verabschiede ich mich von dieser mich ansprechenden, aufwendig gestalteten Ausstellung.

Text: Sr. Marianne-Franziska Imhalsy, Kloster Mariazell, Wurmsbach

Angebot laufend

Sr. Marianne-Franziska Imhalsy aus dem Kloster Mariazell, Wurmsbach, blickt für uns in die Ausstellung «Nonnen» im Zürcher Landesmuseum.

Angebot laufend

«Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter»

Bis 16. August 2020. Öffnungszeiten:

Di/Mi 10.00–17.00, Do 10.00–19.00, Fr–So 10.00–17.00, besondere Öffnungszeiten über Feiertage.</p<p>Landesmuseum, Museumsstrasse 2, Zürich; Telefon 044 218 65 11, info@nationalmuseum.ch, www.landesmuseum.ch

Virtueller Rundgang: 

https://virtuell.landesmuseum.ch