Kommentar

Souverän sieht anders aus

Ab heute können wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden. Das freut die Gläubigen und passt in den Rahmen des bundesrätlichen Lockerungsfahrplans. Die Schweizer Bischofskonferenz allerdings überzeugt in diesen Tagen nicht.

Der Auftritt von Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, in der «Rundschau» vom 20. Mai war symptomatisch. Dabei hatte die «Rundschau» dem Bischof von Basel mit einem wohlwollenden Recherchebeitrag und einem fairen Moderator eigentlich den Weg zu einem entspannten Auftritt frei gemacht. Gmür jedoch wirkte lustlos und reagierte zunehmend genervt auf die Fragen von Dominik Meier.

Dabei insistierte Meier lediglich – und völlig zu Recht – auf eine Erklärung zur defensiven bis nicht vorhandenen Kommunikationspolitik der Bischofskonferenz. Die abstrusen Äusserungen von Weihbischof Marian Eleganti zu Covid-19 nannte zwar auch Gmür abstrus. Aber eben erst auf Nachfrage und mit dem in diesem Zusammenhang befremdlichen Zusatz, Eleganti sei ja ein kluger Mann. Gmür verteidigte das Schweigen der Bischofskonferenz, denn Eleganti sei von seinem Vorgesetzten ein Maulkorb verhängt worden, das sei genug der Stellungnahme. Was Gmür als schweizerische Zurückhaltung verkaufen wollte, wirkte nur gleichgültig und bequem.

Noch immer gehen die Schweizer Bischöfe offenbar davon aus, dass sich die öffentliche Wahrnehmung der katholischen Kirche an die jeweiligen Bistumsgrenzen hält.

Die Schweizer Bischofskonferenz lebt offenbar nach wie vor im Glauben, sie habe allenfalls intern zu kommunizieren. Der Öffentlichkeit werden Entscheide mitgeteilt – eine transparente und nachvollziehbare Argumentation will man ihr jedoch vorenthalten. Und noch immer gehen die Schweizer Bischöfe offenbar davon aus, dass sich die öffentliche Wahrnehmung der katholischen Kirche an die jeweiligen Bistumsgrenzen hält. Dass also Äusserungen wie jene von Eleganti eine Sache des Bistums Chur bleiben und beispielsweise den Bischof von Basel nicht zu kümmern brauchen. Das wiederum ist abstruse Realitätsverweigerung.

Zu dieser Verweigerung gehört auch, dass es die Bischofskonferenz lange nicht für nötig hielt, aktiv auf die Bundesbehörden zuzugehen. Sie hat die Herausforderungen, die sich im Lockdown stellten, schlicht und einfach verschlafen. Oder sie fand es divenhaft unter ihrer Würde, sich für ihre Anliegen genauso engagieren zu müssen wie «Coiffures Suisse» oder «Gastro Suisse». In diese Richtung wies der offene Brief von Bischof Gmür an den Bundesrat. Er wirkte schnell dahingeworfen.

Die Bischofskonferenz scheint beispielsweise nicht begriffen zu haben, dass für die Eindämmung der Pandemie das zunächst strikte Versammlungsverbot und die nach wie vor eingeschränkte Versammlungsfreiheit zentrale Massnahmen sind. Deshalb sind die Kirche nicht mit Baumärkten vergleichbar. Um Einschränkung der Religionsfreiheit oder Zurücksetzung der Kirchen ging es dabei in keinem Moment. Der Virus unterscheidet nicht zwischen Kirchen, Sportarenen und Konzerthallen.

Es zeugt zudem von einiger Weltfremdheit, für die gesamte Schweizer Bevölkerung bestimmen zu wollen, welches das existentiellste und tiefste Bedürfnis sei, der Gottesdienstbesuch nämlich. Durch das Verhalten der Bischofskonferenz wurde die katholische Kirche einmal mehr als Sonderfall präsentiert und damit eben gerade nicht in der Mitte der Gesellschaft verankert, sondern an den Rand gerückt. 

Das Vorbild im Umgang mit Covid-19 muss sich die Bischofskonferenz übrigens weder bei den Coiffeur*innen noch bei den Wirt*innen suchen. Sie kann dafür einfach nach Rom in Richtung Papst schauen. Franziskus hat nie gejammert. Er hat sich mit gelassener Souveränität als das gezeigt, was jeder Bischof in erster Linie sein sollte: Ein Seelsorger, dem es daran gelegen ist, den Menschen Trost, Mut und Zuversicht zuzusprechen. Das hat Franziskus mit eindrücklicher Präsenz und Konsequenz getan. Und er wurde damit weit über die Kirchengrenzen hinaus dankbar wahrgenommen. Dafür braucht Franziskus keine vollen Kirchen. Ausgerechnet ein leerer Petersplatz wurde mit ihm zum starken Zeichen einer Kirche ganz nah bei den Menschen.

Text: Thomas Binotto

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Hinweis zu den Gottesdiensten in den Pfarreien

Erst nach Redaktionsschluss unserer Printausgabe wurde bekannt, dass der Bundesrat öffentliche Gottesdienstes ab dem 28. Mai wieder zulässt. Über Gottesdienstangebote informieren Sie sich bitte direkt bei der jeweiligen Pfarrei – vorzugsweise auf deren Website.