Editorial

Gottes Dienst statt Gottesdienst

Aus der Routine geworfen, stellen sich plötzlich Fragen, auf die ich sonst vielleicht nie gekommen wäre. Und so habe ich mich gefragt, was ich eigentlich unter Gottesdienst verstehe.

Als eine der ersten Massnahmen haben die Bischöfe Anfang März die Sonntagspflicht aufgehoben. Und wochenlang wurde immer wieder behauptet, der Bundesrat habe den Gottesdienst verboten, obwohl genau genommen nur das Feiern von öffentlichen Gottesdiensten verboten war.

Findet der Gottesdienst tatsächlich nur in der Gemeinde und in einem Kirchengebäude statt? Verpflichtet uns Gott wirklich dazu, mindestens jeden Sonntag einen solchen Gottesdienst zu besuchen? Feiern wir also Gottesdienst, weil wir Gott damit gefallen wollen und er es so will. Als seine Dienerinnen und Diener, die ihm ihre Opfer darbringen.

Ich verstehe das Wort «Gottesdienst» je länger, je anders. Mit Jesus Christus will uns Gott zum Perspektivenwechsel führen, zu einer fundamentalen Umkehr. Er will uns endlich klarmachen, dass er nicht auf unsere Opfer aus ist. Er ist nicht ein Gott, der unser Opfer gnädig annimmt, sondern wir sind es, die sein Opfer dankbar empfangen sollen. Gottesdienst ist so verstanden Gottes Dienst an uns Menschen. Er verpflichtet nicht, sondern schenkt. Er muss nicht besänftigt werden, sondern gibt Frieden. Dieser Perspektivenwechsel ist Thema und Ziel aller Evangelien. Das ist und war so ungewöhnlich, dass es damals wie heute für Unverständnis und Ablehnung sorgt.

Es ist schön und wichtig, dass wir wieder Gemeindegottesdienste feiern können. Weil der Glaube auch Gemeinschaft braucht. Und weil Gemeinschaft auch Halt gibt. Aber ich will nicht mehr vergessen, dass der Gottesdienst ein Geschenk an mich sein soll und keine Leistung, die ich zu erbringen habe. Ich kann den Menschen nur dann wirklich dienen, wenn ich mich von Gott beschenken lasse.

Text: Thomas Binotto