Leben in Beziehung

Isolation aufbrechen

Sind Sie über 65 Jahre alt und gehören zur Risikogruppe in dieser Pandemie?

Wenn ja, dann haben Sie erlebt, wie die Frauen das Stimmrecht endlich bekommen haben und wie sich die Gesellschaft wandelte zu mehr Mitbestimmung und persönlichen Entscheidungsfreiheiten.

Und nun gehören Sie zur Risikogruppe, da Sie vor 1955 geboren sind und sollten sich bis vor kurzem isolieren und nicht mehr Teil der aktiven Gesellschaft sein. Das war zum eigenen Schutz nötig, aber die Angst vor einer Ansteckung ist nicht die einzige Frage, die sich stellt. In meiner Organisation arbeiten sehr viele über 65-Jährige. Zu Beginn der Krise mussten wir sie aus den Einsätzen nehmen. Viele von ihnen betreuen seit mehreren Jahren Menschen mit Behinderungen und Krankheiten. Sie sind wichtige Bezugspersonen und haben grosse Freude an ihrer sinnstiftenden Arbeit. Viele waren mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und haben sich gewehrt. Glücklicherweise hat der Bundesrat seine Massnahmen an den Betreuungsbedarf im Gesundheitswesen angepasst und erlaubt hier freiwillige Einsätze von über 65-Jährigen – natürlich unter Einhaltung der Schutzmassnahmen. Von unseren rund 40 Betreuungspersonen, welche über 65 Jahre alt sind, wollten 30 zurück in ihre Einsätze. Ich bin froh, wurde diese Entscheidung den Betroffenen überlassen.

Meine Schwiegermutter Françoise wird bald 90 Jahre alt und hat Asthma, für sie kann eine Erkrankung tödlich sein. Seit Mitte März telefoniert die ganze Familie häufig mit ihr und wir haben sie auch schon in ihrem Garten, unter Distanzeinhaltung, besucht. Trotzdem leidet sie unter dieser Isolation, da die Familie einen grossen Teil ihres Lebensinhaltes ausmacht. Dagegen ist meine Mutter Irene, mit bald 70 Jahren, noch relativ jung und körperlich fit. Ihr Freund hat aber Vorerkrankungen und nun musste sie sich isolieren, um ihn nicht anzustecken. Wie sehen die Perspektiven für Irene und Françoise aus? Un-sere Regierung nutzt die Covid-Krise nicht, um die Kontrolle über uns auszudehnen, und doch hat sie einschneidende Massnahmen ergriffen. Die Isolation der Risikogruppen war zwar kein Befehl, jedoch eine dringende Empfehlung. Die meisten Betroffenen und manchmal noch mehr ihre Familien haben diese Empfehlung sehr ernst genommen.

Wichtig ist allerdings, dass nicht nur die Frage nach Schutz vor Ansteckung gestellt wird, sondern auch nach der Rolle und den Bedürfnissen der Pensionierten in unserer Gesellschaft. Diese Frage sollte jede und jeder über 65-Jährige für sich selbst beantworten dürfen.

Text: Sarah Müller, Geschäftsführerin Entlastungsdienst Schweiz, Kanton Zürich