Schwerpunkt

Jung und religiös

Eine schiitische Muslimin und eine katholische Christin unterhalten sich im Haus der Religionen in Bern über ihre Identität. Ein Gespräch über persönliche Religiosität und gesellschaftliche Klischees.

forum: Herzlich willkommen, Frau Ahmadi und Frau Jeannin. Wir sitzen zum ersten Mal gemeinsam an einem Tisch. Erzählen Sie doch ein paar wichtige Dinge von sich selbst. Wer sind Sie?

Zeinab Ahmadi: Ich bin 26 und arbeite seit über vier Jahren im Haus der Religionen. Ich bin verantwortlich für den Bildungsbereich. Neu begonnen habe ich den Masterstudiengang «Islam und Gesellschaft» an der Uni Fribourg. Ursprünglich habe ich die pädagogische Hochschule abgeschlossen. Ich mache gern Sport, bin mit Freunden unterwegs oder schaue Serien. Spannend finde ich jene, die gesellschaftliche Themen aufarbeiten, die uns auch hier im Haus der Religionen beschäftigen.

Simone Jeannin: Ich werde bald 26, bin aufgewachsen in einem kleinen Dorf, Bättwil im Kanton Solothurn. Ich habe einen jüngeren Bruder. Am Anfang ist der Glaube von meinen Eltern gekommen. Heute bin ich in der Fokolar-Bewegung, einer christlichen Gemeinschaft. Ich habe Fachfrau Gesundheit gelernt, aber gemerkt, dass mich mehr der seelische Aspekt des Menschen interessiert. So bin ich auf das Theologiestudium gekommen, um damit in die Seelsorge zu gehen.

 

Barometer: Ich als religiöser Mensch

Als junger Mensch bringe ich durch meine Religiosität etwas in die Gesellschaft ein.

Als junger Mensch bringe ich durch meine Religiosität etwas in die Gesellschaft ein.

Ich erlebe, dass sich Menschen für meine 
Religion interessieren.

Ich erlebe, dass sich Menschen für meine Religion interessieren.

Manchmal verteidige ich meine Religion.

Manchmal verteidige ich meine Religion.

Als eine religiöse Frau habe ich es schwieriger als ein religiöser Mann.

Als eine religiöse Frau habe ich es schwieriger als ein religiöser Mann.

Wenn ich über meine Religion erzähle, fühle ich mich meistens wohl.

Wenn ich über meine Religion erzähle, fühle ich mich meistens wohl.

Manchmal fühle ich mich diskriminiert.

Manchmal fühle ich mich diskriminiert.

Ich bin froh, dass gesellschaftliche Entwicklungen meine Religion beeinflussen.

Ich bin froh, dass gesellschaftliche Entwicklungen meine Religion beeinflussen.

1 | 1

Jeannin: Bist du eher unglücklich, dass die Gesellschaft deine Religion beeinflusst?

Ahmadi: Natürlich nicht nur. Es gibt auch gewinnbringende Entwicklungen. Bei Veränderungen, die auf äusseren Druck hin passieren, frage ich mich aber, wie nachhaltig sie sind. Wenn wir Muslime zum Beispiel einen Dachverband gründen müssen, um überhaupt eine Chance auf eine öffentlich-rechtliche Anerkennung zu erhalten. Sicher ermöglicht uns das, an einen Tisch zu sitzen und miteinander zu arbeiten. Ein Dachverband homogenisiert aber auch unsere Vielfalt und Heterogenität. Ich sehe solche Entwicklungen einfach nicht ausschliesslich positiv.

Ahmadi: Du musst deine Religion als Christin auch verteidigen. Weswegen?

Jeannin: Wenn ich erzähle, dass ich katholisch bin, dann kommen viele Themen meiner Kirche, die in den Medien sind. «Ist es nicht schwierig für dich als Frau, Theologin zu sein?», «Wie stehst du zur Homosexualität?» – und dann sind viele Vorurteile da. Automatisch möchte ich mich dann rechtfertigen oder klarstellen: meine Haltung ist anders.

Ahmadi: Weil ich das so häufig machen muss, habe ich es auch einfach satt. Ich habe mich jetzt bewusst entschieden, dass ich nicht dafür da bin, «den» Islam oder die 1,6 Milliarden Musliminnen und Muslime weltweit zu verteidigen. Aber es kommt trotzdem noch vor.

Haben Sie eine Strategie, sich weniger verteidigen zu müssen?

Ahmadi: Kritische Gegenfragen zu stellen: Wie es denn komme, dass die Person mir die Frage stellt. Dadurch kann sich das Gegenüber auch selbst damit auseinandersetzen.

Frau Jeannin, Sie haben zur Diskriminierung eine 5 angegeben. Woran denken Sie?

Jeannin: Wie ich persönlich meinen Glauben lebe, da fühle ich mich gar nicht diskriminiert. Wenn es aber um den Beruf geht, dann schon. Weil ich eine Frau bin, kann ich nicht dasselbe machen wie Männer innerhalb der Kirche.

Wenn Sie dann Theologin sind: Möchten Sie sich eher einsetzen, dass es sich verändert – oder möchten Sie schauen, dass Sie leben lernen mit dem, so wie es ist?

Jeannin: Ich denke, es ist eine Mischung. Ich habe gemerkt, dass ich mich selber schützen möchte, und dazu ist es wichtig, es vorerst anzunehmen, wie es ist. Dann lebe ich auch nicht ständig in einer Anspannung, ich müsste jetzt kämpfen und vorankommen. Ich möchte meine Energie in der Seelsorge einsetzen. Andererseits denke ich, dass ich vielleicht mit der Zeit mehr bewegen kann. Je nachdem, welche Projekte kommen, werde ich dann mitmachen oder nicht. Ich habe also keinen Plan dafür, aber ich möchte schauen, was sich ergibt. Ich bin nicht abgeneigt, mich zu engagieren.

Frau Ahmadi, Sie haben eine 3 gegeben. Ich hätte ein höhere Zahl erwartet.

Ahmadi: Ich habe eine 3 gegeben, weil man mir auf den ersten Blick nicht unbedingt ansieht, dass ich Muslimin bin. Ich trage kein Kopftuch. Sonst hätte ich vielleicht eher die 6 gegeben.  Ich weiss, dass es viel, viel schwieriger ist, wenn wir unsere Religionszugehörigkeit sichtbar zeigen. Schwierig ist, dass «die muslimische Frau» nicht selten instrumentalisiert wird: um zu zeigen, dass «der Islam» und «der Westen» nicht zusammenpassen.

Geht es bei Diskriminierungen ausschliesslich ums Kopftuch?

Ahmadi: Nein. Gewisse Privilegien können wir nicht einfordern, weil wir nicht öffentlich-rechtlich anerkannt sind. Es kommt auch zu Diskriminierungen, wenn es um die Jobsuche geht. Dann ist es mit meinem Namen zum Beispiel nicht in jedem Bereich gleich einfach. Oder wenn ich mich auf eine Wohnung bewerbe. Man wird leicht darauf reduziert, nicht Schweizerin zu sein, oder man gibt einem das Gefühl, nicht vollständig dazuzugehören.

Dabei sind Sie Schweizerin?

Ahmadi: Ich bin Schweizerin, ja.

Mit Punkte-Karten wird das Barometer bestimmt: 6 trifft zu, 1 trifft nicht zu.

Mit Punkte-Karten wird das Barometer bestimmt: 6 trifft zu, 1 trifft nicht zu. Foto: Christoph Wider

Mit Punkte-Karten wird das Barometer bestimmt: 6 trifft zu, 1 trifft nicht zu.

Mit Punkte-Karten wird das Barometer bestimmt: 6 trifft zu, 1 trifft nicht zu. Foto: Christoph Wider

Im Gespräch über die eigene Identität.

Im Gespräch über die eigene Identität. Foto: Christoph Wider

1 | 1

Sie sind beide überzeugt, etwas in unsere Gesellschaft einzubringen. Was?

Jeannin: In der Seelsorge kann ich vieles beitragen durch meine Tradition. Trost spenden durch biblische Texte, die den Menschen helfen. Oder im Umgang mit Krankheit und Tod, da bringe ich Hoffnung mit, dass es nach dem Leben weitergeht, in einem guten Sinne.

Ahmadi: Ich habe zur 3 gegriffen, weil es nicht nur meine Religion ist, durch die ich etwas einbringe. Die Religion ist nicht das Einzige, das mich ausmacht und das mich motiviert.

Lassen Sie uns noch einen Moment dabei bleiben. Bringen Sie etwas mit, das für Sie aus Ihrer muslimischen schiitischen Tradition stammt?

Ahmadi: Mitgefühl und Gerechtigkeit: Ich habe einen sehr starken Sinn dafür und diskutiere dafür zum Teil sehr lange.

Als ich Ihnen vorhin zuhörte, war mir, als seien Sie genervt, auf Ihre Religion reduziert zu werden. Ist das so?

Ahmadi: Ja, ganz häufig. Immer wieder muss ich sagen: Hey, ich bin noch viel mehr als die Muslimin! Natürlich, ich arbeite im Haus der Religionen und habe das auch ein Stück weit gewählt. Muslimin sein ist ein sehr wichtiger Teil meiner Identität. Aber ich bin deswegen kein «Ausstell-Modell». Nicht alles, was ich mache, kann auf meine Religion zurückgeführt werden. Ich mache viele Sachen, die untypisch sind für eine «Klischee-Muslimin», wie sie in manchen Köpfen – teilweise auch in meinem – existiert.

Zum Beispiel?

Ahmadi: Ich höre den Rapper Eminem, wenn ich Sport mache. Und du, Simone?

Jeannin: Dass ich schon mit meinem Freund zusammenwohne, entspricht vielleicht nicht ganz dem Klischee. Und ich mache Yoga. Aber das ist auch nicht mehr so aussergewöhnlich.

Interessanterweise haben Sie, Frau Ahmadi, Ihre Religion bei der Vorstellung am Anfang auch nicht erwähnt.

Ahmadi: Genau deswegen, ich will nicht darauf reduziert werden.

Frau Jeannin, Sie haben vorhin mehrfach genickt. Werden Sie auch reduziert auf Ihre Religion – oder war das mehr die Seelsorgerin, die Verständnis gezeigt hat?

Jeannin: Es war mehr das Verständnis. Bei mir ist es eher umgekehrt. Teilweise wird die Religion sogar ausgeklammert. Ich werde nicht reduziert auf die Religion, sondern auf alles andere.

Ahmadi: Das ist noch spannend.

Sie würden sich manchmal wünschen, dass es mehr zum Thema würde?

Jeannin: Ja, dass es ein normales Gespräch werden könnte, indem das Gegenüber auch kennen lernen kann, wie ich religiös bin. Denn es ist vielleicht anders, als sich die andere Person das vorstellt.

In Ihrem Beruf arbeiten Sie beide mit Ihrer Religiosität und stehen hin für Ihre Tradition. Was sind Ihre Beweggründe, das weiterzugeben: die christliche bzw. muslimische Weise, die Welt zu deuten?

Jeannin: Wie schon angedeutet, ich denke, dass gerade beim Thema Sterben und Krankheit das Christentum sehr viel mitgeben kann. Das ist mir wertvoll.

Ahmadi: Ich kann gute Impulse geben, die andere zum Nachdenken animieren und ein Verständnis schaffen, dass es verschiedene Lebensrealitäten gibt. Das passiert in der Gesellschaft noch nicht genug. Ich hoffe aber inständig, dass der Tag kommt, an dem dieser Job nicht mehr nötig sein wird! Wie schön wäre es, wenn es das Haus der Religionen in fünfzig Jahren nicht mehr bräuchte, zumindest in der Funktion als Ort für gesellschaftliche Sensibilisierung. Es könnte ein Museum werden, und Menschen lachen dann darüber, dass es das einst gebraucht hat, damit wir in der Gesellschaft gut miteinander umgehen und verschiedene kulturelle und religiöse Traditionen ihren Platz finden.

Text: Veronika Jehle

Angebot laufend

Zeinab Ahmadi (links), schiitische Muslimin, und Simone Jeannin (rechts), katholische Christin diskutieren über ihre Religiosität und darüber, welchen Fragen und Klischees sie sich stellen müssen.