Schlusstakt

Luftküsschen ade!

Ich habe mich noch nie wohl in meiner Haut gefühlt, wenn ich dreimal pft-pft-pft ins Leere gemacht habe. AUDIO

Schön dezent natürlich. Jedes Schmatz-schmatz-schmatz peinlichst vermeidend. Zudem galt es die Arme so zu spreizen, dass ich die Luftküsschen optimalerweise mit einer Ein-punkt-berührung hinter mich bringen konnte. Irgendwie storchenhaft-steril. Wie von Jacques Tati choreographiert.

Mit den Distanzregeln sind die Luftküsschen verschwunden. Ich hoffe, für immer. Sie waren für mich physische Verrenkung und sozialer Eiertanz.

Dazu muss man wissen, dass ich die Menschheit in zwei Lager teile: Die einen liebe ich so sehr, dass ich sie herzen und drücken will – so richtig mit Schmackes. Wie zu erwarten, ist Herz&Drück überschaubar, so dass kein Versammlungsverbot droht. Alle anderen liebe ich halt nicht ganz so sehr. Für die meisten unter ihnen gibt es aber immerhin mein wunderbar schiefes Lächeln und meine strahlenden Krähenfüsse.

So weit die Ausgangslage meiner Luftkuss-Challenge. Und schon geht’s los: A ist eindeutig Herz&Drück, also drücken! – B kenne ich kaum, sie/er steuert aber unaufhaltsam auf meinen Wangenluftraum zu. – C kenne ich gut, meine Sympathie hält sich jedoch in Grenzen – sei’s drum, lass dich zu einem maximal distanzierten Pft-pft-pft hinreissen. – Und dann taucht D auf, den/die ich richtig gern hab, obwohl wir uns noch gar nie geherzt und gedrückt haben. – Soll ich D nun ungefragt an mich reissen, um öffentlich unsere Zuneigung klarzustellen? – Soll ich wenigstens Luftküsschen andeuten, damit D in der Rangliste zumindest nicht hinter B und schon gar nicht hinter C zurück- fällt? – Oder soll ich es bei der sozialen Zuneigung in physischer Distanz belassen, egal wie das rüberkommt?

Das klingt nun wie die Mengenlehre eines schwer verkopften Holzpflocks. Aber auch Holzpflöcke sind Menschen. Und deshalb hat mein innerer Pflock in den letzten Wochen tief durchgeatmet. Staatlich verordnet hat er seinen Schutzraum erhalten.

Aber schon wird alles wieder lockerer, und ich muss mein Schutz-konzept wieder ganz allein durchsetzen. Überfälle elegant abwehren. Noch freundlicher grinsen. Nicht verklemmter rüberkommen, als ich bin.

Als Mann mache ich dabei eine heilsame Erfahrung: Ich verstehe, was es bedeutet, wenn man seinen Schutzraum verteidigen muss; wenn man dafür als verklemmt hingestellt und beim Abwehren von Übergriffen blöd angeschaut wird; wenn man sich genötigt fühlt, Zärtlichkeiten über sich ergehen zu lassen, die man gar nicht will und auch nicht als zärtlich empfindet.

Text: Thomas Binotto

«Luftküsschen ade!» zum Hören

Sprecher: Thomas Binotto

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Zum Bild: Jacques Tati hält in «Les Vacances de Monsieur Hulot» Distanz zu Nathalie Pascaud.