Im Züripiet dihei

Stimmen der Minderheit

Für ihre Maturitätsarbeit über die arabische Jugend in Israel erhielt Miriam Gabour die Bestnote. Dem forum erzählt sie von ihrer Motivation, einer spannenden Reise – und einer unerwarteten Erkenntnis.

Wir treffen uns auf Zoom. Miriam Gabour ist sich Videokonferenzen gewohnt. Durch den Lockdown wurde auch der Unterricht am Gymnasium Mitte März ins Netz verlegt. «Die Freien Katholischen Schulen haben den Umstieg vom Präsenzunterricht in die digitale Welt gut gemeistert», erklärt sie anerkennend.

Dass durch Corona auch die Maturitätsprüfung wegfällt, ruft bei ihr allerdings zwiespältige Gefühle hervor: «Natürlich ist es praktisch, dass wir nun nicht wochenlang lernen müssen – das wäre ein enormer Aufwand gewesen. Andererseits wäre die Freude am Abschluss sicher grösser, wenn man sich in der Prüfung mit guten Noten hätte beweisen können.» Zudem, fügt sie an, fehle die gemeinsame Zeit mit den Kolleginnen und Kollegen sowie auch den Lehrpersonen: «Und eine Maturafeier wird es vielleicht auch nicht geben.»

Zurecht sehr stolz ist die 18-Jährige dafür auf ihre Maturitätsarbeit: Für ihre Reportage – ein 80-seitiges Fotobuch, welches einen authentischen Einblick ins Leben der arabischen Jugend von Israel geben will – hat sie eine blanke 6 erhalten. «Ich habe mir wirklich sehr viele Gedanken zur Konzeption und Umsetzung gemacht – und mit dem Resultat bin ich mehr als zufrieden», sagt sie mit strahlenden Augen.

«Israel’s Youth – Conversations with Arabs» führt mittels Interviews in englischer Sprache und grossformatiger Schwarz-Weiss-Fotos in die Welt der Herkunftsregion der Familie Gabour und zeigt, wie Miriams Altersgenossinnen und -genossen mit dem Israel-Palästina-Konflikt umgehen. «Ich wollte der Minorität eine Stimme geben und damit die verschwiegene Seite des Konflikts zeigen», sagt sie.

Ehrlich sein, authentisch sein, einen neuen Blick auf einen alten Konflikt werfen – und daneben gleichzeitig ihre kreativen, gestalterischen und fotografischen Fähigkeiten weiterentwickeln, diese Grundidee stand am Anfang des umfangreichen Projekts.

Blick in die Arbeit «Israel’s Youth» von Miriam Gabour.

Blick in die Arbeit «Israel’s Youth» von Miriam Gabour.

Blick in die Arbeit «Israel’s Youth» von Miriam Gabour.

Blick in die Arbeit «Israel’s Youth» von Miriam Gabour.

Blick in die Arbeit «Israel’s Youth» von Miriam Gabour.

Blick in die Arbeit «Israel’s Youth» von Miriam Gabour.

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Und natürlich war da auch die Faszination für und die Neugier an ihren arabischen Wurzeln: «Es war spannend für mich, diesen biographischen Aspekt und meine Beziehung zu Israel, seiner Kultur, Geschichte und seinen Bewohnern zu untersuchen und zu stärken. Die Arbeit ermöglichte mir zudem, meiner Verwandtschaft näherzukommen», erklärt sie und fügt an: «Inspirativ waren hauptsächlich meine eigenen Erfahrungen in Israel, meine Reisen und meine Familie, die mich immer aufforderte, meinen arabischen Ursprung zu erkunden. Als ich mit acht Jahren die Sprache definitiv nicht lernen wollte, bestand mein Vater darauf, dass der Kontakt zum Land und der Familie erhalten bleibt. Wir reisen nun jedes Jahr nach Israel.»

Erstmals alleine nach Israel reiste Miriam Gabour dann für ihre Recherchen übers Auffahrtswochenende 2019. «Es passierte alles ganz spontan: Ich buchte den billigsten Flug und kam am 1. Juni morgens um 3 Uhr in Tel Aviv an. Mein Cousin Basel holte mich am Flughafen ab – übernachten durfte ich glücklicherweise auch bei ihm. Durch ihn habe ich sehr viele junge Leute kennengelernt – in einer Bar, auf dem Campus, in der WG. So konnte ich viele Gespräche führen, improvisiert und ehrlich. Ich fuhr dann auch noch nach Haifa. Jerusalem allerdings konnte ich leider nicht besuchen. Es war Sabbat, und so stand der öffentliche Verkehr still. Und ja, die Läden waren auch alle zu – es war schon eine grosse Herausforderung, auf mich gestellt unterwegs zu sein. Aber ich hab’s sehr genossen.»

Die Worte sprudeln nur so, wenn Miriam Gabour von ihren Erlebnissen erzählt. Als erst 17-Jährige alleine in Israel und Palästina zu reisen und mit Gleichaltrigen zu sprechen, ja Freundschaften zu schliessen, habe ihr einen neuen, unverstellten Blick auf das Leben in der Region ermöglicht. «Die Araber sind in der Minderheit und noch stark diskriminiert. Mir war nicht bewusst, dass sie so stark mit Ungerechtigkeiten konfrontiert sind und welche Rolle die Konfliktproblematik bis heute noch in ihrem Alltag spielt.»

Die überraschendste Erkenntnis aber, die ist durchaus positiv: «Die Religion, welche noch die ältere Generation gespalten hat, scheint bei den jungen Menschen nicht mehr im Zentrum der Lebensgestaltung zu stehen. Für Noor, Rami, Shahd, Maiss und wie sie alle heissen war klar, dass ein friedliches, inspirierendes Zusammenleben über Konfessionen hinweg möglich ist. Sie wollen den alten Konflikt zwischen Juden und Arabern hinter sich lassen und gegenwärtige Lebensbedingen so ändern, dass eine bessere Zukunft möglich wird.»

Ihre eigene Zukunft sieht Miriam Gabour erst einmal in einem Architekturpraktikum. Es soll zeigen, ob ihr beruflicher Weg sie zur Architektur führt – oder doch zu Wirtschaft und Politik.

Vorerst jedoch geniesst sie ein paar unbeschwerte Wochen – und ihren Kolleginnen und Kollegen gibt sie den Rat: «Macht euch selbst ein Bild von Israel. Reist ins Land, es hat so viel zu bieten.»

Text: Pia Stadler