Gleichnisse aktuell

Unter unseren Füssen

Spiritualität spielt sich nicht nur in höheren Sphären ab. Manchmal stehen wir mitten im erdigen Alltag unbemerkt auf heiligem Boden. AUDIO

Es gibt Menschen, die haben fast eine Gabe, von «Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen» zu tappen. Andere können es nicht lassen, anderen auf die Füsse zu treten oder gar ein Bein zu stellen. Und ja, zu den beliebten Kindereien gehört, unter dem Tisch und den elterlichen Blicken entzogen, einander mit den Füssen zu stupfen und zu necken. Was da nicht alles abgeht mit unseren Füssen! Was sich nicht alles tut unter unseren Füssen!

Zwar wurde mir in der Reha nach zwei üblen Beinbrüchen das Laufen wieder beigebracht und ich musste dabei lernen, nicht auf den Boden zu schauen, sondern nach vorn mich zu orientieren. Und auch in einem späteren Tanzkurs lernte ich, nicht auf die Füsse zu schauen, sondern aufrecht-elegant die Schritte zu setzen. Das wohl kürzeste Gleichnis Jesu macht uns in einem einzigen Vers trotzdem aufmerksam auf die Möglichkeit, dass sich unter unseren Füssen gar ein Schatz verbirgt – es sich also durchaus lohnt, dem Boden, auf dem wir stehen, grösste Sorgfalt und Beachtung zu schenken!

Da ist doch von einem Schatz die Rede, der sich weder in den Tiefen des Meeres, in unerreichbaren Höhen oder in weiter Ferne befindet, sondern in einem ganz gewöhnlichen Acker. Ein Schatz in brauner Erde und nicht in samtener Schatulle oder auf goldenem Tablett. Und der Mann, der ihn entdeckt, so lässt das Gleichnis ahnen, stolpert fast darüber.

Mit dem Bild vom Schatz im Acker werden wir an die Wahrheit herangeführt, dass das grosse Glück oft vor unserer Nase liegt, oder eben unter unseren Füssen. Könnte es sein, dass wir manchmal auf bessere Zeiten hoffen und warten, dabei läge das Beste ganz nah? Könnte es sein, dass auch unser derzeitiges Leben nicht nur aus Problemen und Herausforderungen besteht, sondern auch diese Zeit und mein derzeitiger Weg wahre Schätze bergen?

«Du stehst auf heiligem Boden», wurde damals dem Mose gesagt, als er sich in einer nicht einfachen Situation seines Lebens, beim Hüten der Schafe, einem brennenden Dornbusch näherte. «Du stehst auf heiligem Boden.» Das könnte meinen Schritten und jedem Augenblick ein neues Gewicht verleihen! Wer nach einem spirituellen Leben sucht, muss nicht unbedingt sein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Es genügt, dem Boden der eigenen Realität genug Beachtung zu schenken und neu zu begegnen. Was sich doch nicht alles tut, auf dem Ackerboden meiner inneren und äusseren Realität!

Text: Stefan Staubli, Pfarrer Katholische Pfarrei St. Peter und Paul sowie St. Marie