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Das hohe C

Für einmal ist hier mit dem hohen C nicht die Stimmlage des Tenors gemeint – sondern das C der CVP.

Die Partei hat ihren Ursprung in der katholisch-konservativen Bewegung zur Gründungszeit des Bundesstaates 1848. Ihre Zusammensetzung, Ausrichtung und Namensgebung veränderten sich im Laufe der Zeit. Befindet sich ihr C heute im freien Fall?

Ist es zu einem einseitig anti-modernen Unwort mit Ausschlusscharakter für andersdenkende, -lebende und -fühlende Menschen geworden? Das wäre zu kurz gegriffen. Trotzdem sehen sich viele Parteimitglieder gezwungen, sich von der normativen Ethik des katholischen Lehramtes abzugrenzen, die ab und an im Widerspruch zum gesellschaftlichen Konsens steht. Dieselbe Auseinandersetzung findet innerhalb der Kirche statt: Die einen halten an der Vergangenheit als der ewigen Wahrheit fest, die anderen erkennen im C die überzeitlichen Werte und Prinzipien, die es zu bewahren und in die heutige Gegenwart zu übersetzen gilt.

Zur Debatte gehört die grundlegende Frage, ob Religion und Spiritualität politisch sein soll und darf. Die «neue politische Theologie» (Metz) will die Glaubens-Praxis zum Anwalt der Hoffnung und der Veränderung werden lassen. Der Zusammenhang von Religion, Spiritualität und Politik ist ein Kernstück christlicher Weltverantwortung. Es wird nicht missioniert. Die Sozialethik zielt primär auf die Verwirklichung von Gerechtigkeit, auf den Schutz der Schwächsten, letztlich auf die Humanisierung der Lebensbedingungen aller.

In Corona-Zeiten setzen wir uns neu mit unserem Menschenbild auseinander: Worauf bezieht sich der heutige Mensch? Menschenbild und Werte sind die Grundlage eines jeden Parteiprogramms. Die Inkulturation des C ins Jahr 2020 wäre anschlussfähig für Menschen jeglicher Couleur – sofern diese Prinzipien in ein zielgerichtetes Parteiprogramm eingegossen werden.

Ist es zielführender, das Kind mit dem Bad auszuschütten oder das C abzustauben, um seine überpersonalen, gesellschaftstragenden Werte ins Heute zu übersetzen?

Diese Mittepartei politisiert auf dem Boden christlicher Werte. Oft erarbeiten stille Schaffer die entscheidende Lösung. Vielleicht kann genau das zum Proprium eines C werden: Wagt sie es, Vorbild in der Umsetzung christlicher Werte der ausgleichenden Mitte zu sein, die sich sachorientiert zum Wohl von Individuum, Gesellschaft, nachhaltiger Wirtschaft und intakter Umwelt mit wechselnden Partnern verbindet? Weils nicht um machtpolitisches Pokern und Gewinnen geht. Sondern um ein Miteinander und Füreinander. Weil Corona gezeigt hat, dass innovatives Handeln möglich ist. Und ja, auch Muslime finden hier ihren Platz, warum denn nicht?

Wie wäre es, wenn das C neu als Garantin des Vertrauens dasteht? Für abwägende praktische Ethik, Fairness im politischen Spiel, für verantwortungsvollen Dienst an der Gesellschaft wider jedes spaltende Machtgebaren? Die erneuerte CVP mit Tiefgang und Weitblick!

So oder so kommen wir um die neue alte Wertediskussion in Gesellschaft, Staat und Kirche nicht herum. Bald werden wir erfahren, ob es den politischen Tenören gelingt, das C neu zu interpretieren – oder ob es als Druckerschwärze auf dem Notenpapier stillsteht.

Text: Tatjana Disteli

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Die Theologin Tatjana Disteli leitet die beiden Bereiche der Spezialseelsorge «Seelsorge in Gesundheitswesen und Inklusion» und «Ökumenische Seelsorge» in der katholischen Kirche im Kanton Zürich. Sie ist Passivmitglied der CVP.

Ständerat Beat Rieder (VS) über das C der CVP

CVP - auf der Suche nach der Mitte