Editorial

Den Stream nicht abstellen!

So rasch das Angebot an live gestreamten Gottesdiensten nach dem 16. März angewachsen ist, so rasch hat es sich jetzt wieder verflüchtigt.

Als keine Gemeindegottesdienste gefeiert werden konnten, hat eine Reihe von Pfarreien schnell geschaltet und Gottesdienst-übertragungen organisiert. Nun, da wir wieder in den Kirchen feiern können, wurde dieses Angebot vielerorts eingestellt. Es scheint sich um eine Notlösung gehandelt zu haben. Das halte ich sowohl kurz- wie langfristig für falsch.

Kurzfristig gehen jetzt all jene Menschen vergessen, die zu einer Risikogruppe gehören und deshalb den Gottesdienst nach wie vor nicht besuchen können. Dazu gehören viele alte Menschen, denen ihr Gemeindegottesdienst wichtig war und ist. Für sie waren die Liveübertragungen aus ihrer Kirche keine Notlösung, sondern eine wichtige Hilfe gegen die Isolation. Es kann nicht sein, dass nun ausgerechnet jene zurückgelassen werden, die weiterhin schwer zu tragen haben – und sei es nur, weil sie sich vielleicht mehr Sorgen als unbedingt nötig machen.

Der Lockdown hat aber auch eine langfristig bedeutsame Erkenntnis gebracht: Wir mögen technisch gesehen im globalen Dorf leben – sozial tun wir es nicht. Es spielt auch im Live-stream eine Rolle, ob ich am Gottesdienst in meiner Pfarrkirche mit den mir bekannten Menschen teilnehme oder in einer Kirche, zu der ich weder örtlich noch menschlich eine Beziehung habe. Das Globale als digital und das Lokale als analog zu definieren, ist definitiv überholt. Auch auf lokaler Ebene gehört die Zukunft einem nicht nur technisch vernetzten Hand-in-Hand von Off- und Online.

Wir haben in den vergangenen Wochen gelernt, dass gerade das Internet für das lokale soziale Leben ein hervorragendes Instrument sein kann. Diese Erkenntnis sollten wir vertiefen und nicht bloss auf Notlagen anwenden. Gut, dass das einige Pfarreien erkannt haben und ihre Gottesdienste weiterhin im Livestream anbieten.

Text: Thomas Binotto