Gott und die Welt

Orten neuen Geist eingehaucht

Der verhüllte Berliner Reichstag war das Meisterstück des New Yorker Künstlers Christo. Vera Rüttimann war 1995 beim Projekt dabei. Für sie hat seine Kunst eine spirituelle Seite.

«Es ist total irrational und sinnlos», sagte Christo einmal über seine verpackten Brücken, Gebäude und Landschaften. Das mag stimmen. Und dennoch: Der Verpackungskünstler konnte Orte verzaubern und in einem neuen Licht erscheinen lassen. So auch den Berliner Reichstag. Dieses Gebäude stand nach der Wende lange als dunkler Klotz auf einem Niemandsland. Christo reizte das, er wollte dieses Gebäude unbedingt verhüllen. Er brauchte dafür einen Anlauf von 24 Jahren. Als es dann so weit war, transformierte er diesen Ort. Das Gebäude, ja die ganze Stadt war danach eine andere.

Christo rekrutierte für sein Projekt stets eine Schar freiwilliger Helfer. Er nannte sie «Monitore». Eingekleidet in ein T-Shirt mit der Aufschrift «Wrapped Reichstag Berlin» und mit gelbem Helm konnte ich Fassadenkletterern helfen, das spätere Parlament des deutschen Bundestags in silbrig glänzendes Polypropylengewebe einzuhüllen. Konnte am Seil baumelnd sehen, wie der Reichstag sich je nach Lichteinfall einmal als Eisklotz präsentierte oder sich in einen Kristall verwandelte. Das schwere Gebäude wurde leicht, begann zu fliegen. Es erschien mir wie eine Auferstehung. Eine Messe, zu der die (Kunst-)Jünger pilgerten. Mittendrin dieser charisma-tische Typ mit Woody-Allen-Brille, der sein Orchester dirigierte.

Das Künstlerpaar Christo und Jeanne Claude bei der Verhüllung des Berliner Reichstags 1995.

Das Künstlerpaar Christo und Jeanne Claude bei der Verhüllung des Berliner Reichstags 1995. Foto: Vera Rüttimann

Vera Rüttimann als freiwillige Helferin bei der Verhüllung des Berliner Reichstags 1995.

Vera Rüttimann als freiwillige Helferin bei der Verhüllung des Berliner Reichstags 1995. Foto: Vera Rüttimann

Die Verhüllung des Berliner Reichstags 1995.

Die Verhüllung des Berliner Reichstags 1995. Foto: Vera Rüttimann

Die Verhüllung von 178 Bäumen in Riehen bei Basel 1998. Auch hier war Vera Rüttimann als «Monitor» dabei.

Die Verhüllung von 178 Bäumen in Riehen bei Basel 1998. Auch hier war Vera Rüttimann als «Monitor» dabei. Foto: Vera Rüttimann

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Christo ging es nicht um den schnöden äusseren Reiz. Es ging ihm um das Neuentdecken von dem, was hinter dem Tuch, dem Vorhang, liegt. Um das Neusehen und Neuverstehen.

Bemerkenswert sind dabei die religiösen Bezüge. Schon beim Reichstags-Projekt dachte ich an das verhüllte Kreuz, den verhüllten Tabernakel und an das Hungertuch in der Fastenzeit. In der Bibel gibt es viele Stellen, in denen sich Gott verhüllt oder in einer Wolkensäule zeigt. Als Jesus am Kreuz stirbt, zerreisst im Tempel der Vorhang.

Christo gehörte keiner Glaubensgemeinschaft an. Dennoch schlug sich seine frühe Sozialisation durch die bulgarisch-orthodoxe Kirche in seiner Kunst nieder. In der Liturgie dieser Messen spielt das Verhüllen eine zentrale Rolle. Immer wieder werden Kelche, Ikonen und andere Gegenstände verhüllt und enthüllt.

Zu einem Merkmal seiner Kunst gehörte die Vergänglichkeit. Man konnte sie nicht konservieren, nur in seinem Innern mitnehmen. Immerhin konnten Kunstbesucher kleine Stofffetzen des Werkes mitnehmen. Für mich wirkten sie wie Reliquien. Ich erinnere mich an Projekthelfer, die vor dem Reichstag standen und Besuchern mit den Worten «Der Leib Christo» ein Stück Stoff in die Hand drückten und damit als spontanen Jux den entstehenden Kult um den Künstler ironisierten.

1968 verhüllte er in Bern auf Einladung des Schweizer Kurators Harald Szeemann die Kunsthalle. In der Schweiz begann denn auch seine Weltkarriere. 1998 verpackte er in Riehen bei Basel 178 Bäume rund um die Fondation Beyeler in 55000 Quadratmeter Polyesterstoff. Erneut war ich hier als Projektmitarbeiterin dabei. Staunend verfolgte ich in den Morgenstunden mit, wie Christo jeden Baum in eine massgeschneiderte Hülle kleidete. Unvergessen, wie die Sonne auf die Stoffe fiel und die Bäume gleichsam verwandelte.

Wenn es einen roten Faden in Christos Werk gab, dann war es das heftige Aufeinanderprallen von Befürwortern und Kritikern seiner Arbeit. Die in unerwarteter Einheit dann doch vor seiner Kunst standen. Und sie wie ein Wunder bestaunten. Das wird wohl auch im Herbst 2021 so sein, wenn der Arc de Triomphe in Paris verhüllt werden soll. Ich werde als «Monitor» wieder dabei sein. Am 31. Mai 2020 ist Christo im Alter von 84 Jahren in New York gestorben. An Pfingstsonntag. Das passt. Er hauchte so manchem Ort einen neuen Geist ein.

Text: Vera Rüttimann, kath.ch

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Der gebürtige Bulgare Christo Javacheff reiste in den späten Fünfzigerjahren nach Paris und lernte dort seine Frau und spätere Co-Künstlerin Jeanne-Claude kennen. Sie begannen zunächst, Alltagsgegenstände und Kleinmöbel kunstvoll zu verpacken und zu verschnüren. Zu seinen bekanntesten Projekten zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates») 2005, die schwimmende Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei («Floating Piers») 2016 sowie 1995 der verhüllte Berliner Reichstag. www.christojeanneclaude.net

Zum 20-jährigen Jubiläum des verhüllten Reichtags

Christo über sein eigenes Werk

Dokfilm von 1995