Gleichnisse aktuell

Sei kein Dummkopf

Ich liebe dieses Gleichnis. Für mich ist es ein klarer Beleg, dass Jesus kein Fantast war, sondern durchaus strategisch dachte. > AUDIO

Ich bin froh, dass es diese Richtlinie gibt – neben dem Appell in der Bergpredigt, die Feinde zu lieben, die andere Wange hinzuhalten und nicht zurückzuverlangen, was einem weggenommen wurde (Lukas 6,27–30). Jesus will keine fatalistischen Dummköpfe, die Unheil und Ungerechtigkeit untertänig hinnehmen mit dem Argument: «Es war halt Gottes Wille.» Er wünscht sich vielmehr Freundinnen und Freunde, die strategisch ihre Möglichkeiten kalkulieren, ob beim Bau eines Hauses oder in einem Konflikt.

Beides ist für mich derzeit relevant. Auf der Suche nach einer «altersgerechten» Wohnung gilt es zu kalkulieren. Schöne Lage, energetisch effizient und naheliegende Infrastruktur – das ist nicht billig zu haben. Da stellt sich schon die Frage: Was können wir uns leisten und wo, ohne dass uns eine andere Zinspolitik später an den Abgrund drängt. Vertrauen in den Immobilienmakler und in die Bank ist gut, Kontrolle und nicht nur «auf Kante genähte» finanzielle Absicherung ist besser.

In den letzten Wochen war auch ich immer wieder unsicher: Übertreiben wir es nicht mit unserem Kampf gegen das Corona-Virus? Aber diese Covid-19 ist halt kein Gegner, mit dem man verhandeln und den man um Frieden bitten könnte. Die Konsequenz war, dem «Feind» möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Und mit wenigen Ausnahmen hat sich die grosse Mehrheit der Bevölkerung strategisch klug verhalten, auch wenn dies mit erheblichen Einschränkungen und dem Verzicht auf wertvolle Gemeinschafts-erfahrungen verbunden war.

Diesen strategischen Appell Jesu gilt es auch im Kampf gegen eine «vom Volk entfremdete» kirchliche Hierarchie zu beherzigen. Wenn alle konstruktiven Vorschläge für mehr Synodalität und Partizipation ins Leere gehen, dann muss man den Turm bzw. «die Kirche» anders bauen. Und ich nehme sehr dankbar zur Kenntnis, dass dies auch vielerorts geschieht: Kirchenleute, die nahe bei den Menschen sind, die deren «Stallgeruch» angenommen haben, nicht nur in Pandemiezeiten zuallererst fragen: «Was willst du, das ich tun soll?», und dann gemeinsam mit ihnen überlegen, was strategisch sinnvoll und machbar ist. Ich denke hier vor allem an die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in unseren Pfarreien, die zum Grossteil sehr nahe an dem dran sind, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen will. Oder wie er es im Matthäus-Evangelium ausdrückt: Seid arglos wie die Tauben, aber auch klug wie die Schlangen!

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus