Schlusstakt

Wir Sorgeneltern

Eltern, die sich Sorgen machen, sind mühsam. Hab ich von meinen Kindern gelernt. > AUDIO

Ich habe meine Kinder im Laufe der Jahre bestimmt auf alle erdenklichen Arten mit meiner Fürsorge genervt.

Mit meinen Vorahnungen, was total schieflaufen werde, wenn sie ihre Lernmethoden nicht sofort dem anpassten, was ich seit Jahren auch mir selbst predige.

Mit meiner langen Liste von guten Ratschlägen, die ich ihnen vor ihrer ersten Auslandreise mit auf den Weg geben wollte, und die sich anhörte, als würde ich meine Kinder in den Krieg schicken.

Und mit meiner Whatsapp-Kaskade, die sie atemlos durch die Nacht verfolgte: «Wo bist du gerade?» … «Gnüss es» … «Alles paletti?» … «Muss ich mir Sorgen machen?» … «Würdest du dich endlich melden!» … «???»

Für Jugendliche haben Handys vor allem eine extrem smarte Funktion: Man kann seine Eltern damit effizienter auf die Palme bringen als je zuvor. Zunächst lässt man sich das Handy sponsern, weil durch die Erreichbarkeit ja auch die Eltern ganz viel weniger Sorgen haben. Und dann lässt man das Teil ungehört ins Leere klingeln, vibrieren, smsen, smilen und whatsappen. Bis die Eltern die dämlichste aller Nachrichten absetzen: «Was ist los? – Akku leer?»

Heute sind meine Kinder erwachsen und haben mir vieles verziehen. Nur eines mögen sie nach wie vor auf den Tod nicht leiden: Wenn ich mir Sorgen um sie mache. – Und so allmählich begreife ich weshalb: Als sorgenvoller Papa bin ich wahnsinnig anstrengend. Da können sie es sich nicht einfach mal in aller Ruhe gut oder schlecht gehen lassen. Immer müssen sie vor mir auch noch Rechenschaft ablegen und womöglich ihre Stimmungslage ausbreiten. Kein Genuss und kein Leid gehört ihnen allein, weil der Papa partout etwas davon abhaben will.

Selbst wenn ich meine Sorgen ganz treuherzig als Zeichen elterlicher Anteilnahme sende – kommen sie als Signale des Misstrauens an: Papa macht sich Sorgen, weil er mir nicht zutraut, dass ich die Situation selbst meistern kann. Und hinter den lustigen Smileys lauern seine guten Ratschläge.

Neuerdings verstehe ich meine Kinder wieder besser als auch schon. Seit ich für meine Eltern wegen Covid-19 kleine Botendienste übernehme. Nach der gefühlten 1001. Entschuldigung meiner Mutter für die Mühsal, die sie mir damit auferlege, habe ich jugendlich entnervt damit gedroht, bei nächster Entschuldigung meine Dienstleistung augenblicklich einzustellen.

Ich glaube zwar immer noch, dass selbst meine erwachsenen Kinder es schätzen, wenn ich für sie da bin. Aber meine Sorgenkinder wollen sie nicht sein. Und ganz ehrlich: Sorglosigkeit bekommt auch mir gut.

Text: Thomas Binotto