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Auf dem Grund der Klage

Eine junge Mutter verbringt einen Winter lang am Spitalbett ihres zwei Monate alten Babys, das zwischen Leben und Tod schwebt.

Und als es entgegen den Diagnosen gesund wird, springt der jungen Frau, die reformierte Pfarrerin ist, die «Klage an die Gurgel», wie sie schreibt. Statt sich über den Sommer und die Lebendigkeit ihres Kindes zu freuen, kann sie «das Licht nicht mehr ertragen», schliesst die Fensterläden, ist keiner Handlung mehr fähig. Berührend, authentisch und mit grosser Klarheit beschreibt Marion Muller-Colard ihren Weg aus dieser Gelähmtheit. Dabei verbindet sie auf wunderbare Weise ihre dramatische Erfahrung um die Lebensbedrohung ihres Kindes mit der Geschichte von Hiob, der seine Söhne und Töchter, all sein Hab und Gut verliert und zu Gott schreit, und mit Erlebnissen aus der Spitalseelsorge, wo kein tröstendes Wort mehr möglich war. Auf dem Urgrund der Klage, die einem den Boden unter den Füssen wegzieht, identifiziert die Autorin ein Glaubenssystem, das uns Sicherheit und Schutz vorgibt. Das ist bei jedem von uns etwas anders, religiös oder auch nicht. Wenn dieses System ins Wanken gerät, lässt es nur Verzweiflung oder Abwehr übrig. Mit klarem Blick und ohne sich zu schonen, nimmt sie mit auf die Suche nach einem «neuen Gott», der jenseits der falschen Sicherheiten und Schutzmauern trägt.

Text: Beatrix Ledergerber

Angebot laufend

«Als mir das Licht unerträglich wurde. Auf dem Weg zu einem anderen Gott.»

Marion Muller-Colard
TVZ 2019. 111 Seiten
ISBN: 978-3-290-18251-9