Denkanstoss

Danke Ausgangssperre

Seit Juni werden die Massnahmen gegen Covid-19 Schritt für Schritt gelockert und ich bin überfordert.

Nach den letzten Wochen, in denen ich mich zutiefst im Komfort meiner vier Wände eingeigelt hatte, fühle ich mich wie ein Maulwurf, der langsam aus seinem Loch hervorkrabbelt und völlig verwirrt erkennt, dass alle anderen schon draussen sind. Und obwohl ich mich mit der Mehrheit freue, so begleitet ein kleiner Wermutstropfen meine Euphorie. Und ich sehne mich zurück nach der Zeit in der Ausgangssperre, in der Unwichtiges plötzlich etwas wegfiel.

Zugegeben, dies war nicht schon am Anfang so. Es begann – wie bei allen – unsicher: Wie eine Besessene sah ich mich stündlich die neueste Portion Info auf der Webseite des SRF schlucken und zunehmend Diskussionen mit meinen (immer noch neuen) Mitbewohnerinnen führen – Gäste im Haus? Und wenn ja, wie viele? Sollten wir die ÖV noch benutzen? Durften wir die Eltern besuchen? Plötzlich waren wir nicht mehr nur für unsere eigene Gesundheit verantwortlich, sondern für die der WG-Mitbewohnerinnen auch. Als sich Ebbe in der Informationsflut zeigte und wir uns langsam an die Regeln gewöhnten, kam die kreative Phase. Ich begann, Listen zu führen mit «Dingen, die ich schon immer zuhause erledigen wollte» oder «Ideen für coronagerechte Unternehmungen in der WG». Gegen meine Gewohnheit begann ich, zweimal wöchentlich zu joggen. Mit den Mitbewohnerinnen kochten wir ausgiebig, frühmorgens praktizierten wir im engen Gang unserer Wohnung Yoga und und an Samstagabenden verweilten wir glücklich mit Pizza und Film auf der Couch – ohne FOMO (Fear Of Missing Out: die Angst, etwas zu verpassen). Auch wenn die täglichen Nachrichten verunsicherten – ich fühlte mich wie auf einer kleinen Insel.

Natürlich blieben auch die Konflikte nicht aus. Dennoch – bei allem, was negativ war – die Ausgangssperre hat mir persönlich viel beigebracht und geholfen, mich wieder mit meinem eigenen Leben und den Dingen darin auseinanderzusetzen. Ich habe mehr gekocht, geputzt, eingerichtet, gestaltet und Dinge, die sonst andere erledigen, selber in die Hand genommen. Ich habe entdeckt, dass mir gewisse Freunde fehlen und andere mich eher anstrengen. Und dass ich mehr aushalten kann, als ich mir zutraue. Diese Zeit hat mir gezeigt, dass Samstagabende alleine zuhause genauso «verpasst» werden können wie Samstagabende draussen in Gesellschaft, und ich weiss nun, was und wer mir wirklich fehlt. Bevor ich mich also in Termine, soziale Anlässe und die «neue Normalität» stürze, verweile ich einen Moment und gedenke der Zeit, in der für mich die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem klarer wurde.

Text: Luana Nava