Schwerpunkt

Eine Million Kreuzstiche

In der Stiftskirche von St-Ursanne hängt ein gesticktes Wandbild. Es zeigt die Stadt und Motive aus ihrem Kulturerbe. 192 Personen haben daran gestickt oder genäht. Eine davon ist Lucette Stalder.

Lucette Stalder sprudelt, wenn sie vom «panneau brodé» erzählt, von jenem gestickten Wandbild, das seit Januar in der Stiftskirche von St-Ursanne hängt. Inspiriert von gestickten Bannern, wie sie für Jubiläen der französischen Städte Baume oder Cluny geschaffen wurden, hatte die 67-jährige Ursannerin die Idee, etwas Vergleichbares zum 1400-Jahr-Jubiläum ihrer Stadt zu machen. «Für das Hauptbild haben wir eine Ansicht der Landschaft gewählt, wie Ursicinus sie gesehen haben muss, als er über den Col des Rangiers hierherkam», erzählt Stalder.

Fünf einzelne Motive aus dem Kulturerbe von St-Ursanne sind als eigene gestickte Bilder gleichsam in diese Landschaft gesetzt. Sie zeigen die Statuen der Mutter Gottes mit dem Christuskind sowie die von Ursicinus aus dem Südportal der Stiftskirche, die Grotte mit der Statue des liegenden Heiligen, seinen Sarkophag in der Krypta und in der Mitte die silberne Reliquienbüste aus dem Stiftsschatz – alles in Kreuzstichen gestickt. Insgesamt 1 566 962 Stiche waren nötig, um das Wandbild von 2,66 Metern Breite und 1,29 Meter Höhe herzustellen.

156 kleine Rechtecke

Wie aber konnte ein solches Projekt realisiert werden? Wer das Bild aus der Nähe betrachtet, erkennt, dass es aus lauter kleinen Rechtecken besteht, 156 insgesamt, die zusammengenäht wurden. Jedes Rechteck ist etwa 10 cm hoch und 25 cm breit.

Im März 2019 lancierte die Französin Marie-Jeanne Lambert, die einen Stickerei-Blog führt, einen Appell zum Mitmachen. «Jede Stickerin hat ein Stück Tuch und die gedruckte Stickschrift mit der Anleitung erhalten, und zwar in der Reihenfolge ihrer Anmeldungen. Sie haben im Gegenzug ihre Zeit und die Kosten für das Stickgarn investiert», erzählt Stalder. Das Garn wurde von den Initiantinnen festgelegt, sodass die 164 Stickerinnen und der eine Sticker, darunter 42 aus der Schweiz, die übrigen aus Frankreich, anhand von Nummern die richtigen Farbtöne bestellen konnten.

Angebot laufend

Lucette Stalder hatte die Idee für das Wandbild, das nun in der Stiftskirche hängt.

Nach und nach seien die gestickten Rechtecke zurückgeschickt worden. «Es war jedes Mal eine Überraschung, wenn ein Päcklein hereinkam.» Nicht wenige seien mit einer Karte versehen gewesen. Einige davon bezeugen, dass die Arbeit nicht nur eitel Freude war. «Wir haben die Farbe Grün aus unseren nächsten Projekten verbannt», hiess es etwa auf einer Karte.

Insgesamt sei aber die Freude am gemeinsamen Projekt im Vordergrund gestanden, erzählt Stalder. Dies sei für die meisten der eher älteren Frauen die Hauptmotivation gewesen.

«Für die fünf Hauptmotive haben wir bestimmte Stickerinnen angefragt, die sich bereits bei früheren grösseren Projekten bewährt hatten.» Im September begannen die Näherinnen, die Rechtecke zusammenzunähen. Insgesamt 23 Frauen aus der Schweiz und aus Frankreich beteiligten sich an diesem zweiten Teil des Projekts.

«C’est pour Saint-Ursanne»

Nach vier Zusammenkünften waren die Rechtecke Ende November zusammengenäht. Nun wurde das Gesamtwerk auf der Rückseite mit Vlieseline verstärkt und mit einem weiteren Tuch abgedeckt, sodass insgesamt drei Lagen Stoff übereinanderliegen. Am 17. Dezember schliesslich war das Gemeinschaftswerk beendet.

«Zu Beginn waren wir nur zu zweit. Wir stellten uns 1000 Fragen, natürlich gab es Momente des Zweifels!», erzählt die inzwischen pensionierte Archäologin rückblickend. Zu ihrereigenen Motivation befragt, überlegt sie einen Moment. «C’est pour Saint-Ursanne», sagt sie schliesslich. Ob sie damit die Stadt oder den Heiligen meint, lässt sie offen.

Text: Silvia Stam, kath.ch