Schwerpunkt

Nachhaltiger Einzelgänger

Im Jahr 620 soll der Eremit Ursicinus gestorben sein. Nach ihm ist die Stadt St-Ursanne benannt. Auf einem Rundgang durch die Stadt erläutert Diakon Philippe Charmillot die spirituelle Dimension des Jubeljahres.

«Es sind 190 Stufen bis zur Grotte», sagt Philippe Charmillot, Diakon in St-Ursanne, und steigt flink die steilen Treppen hinauf. Er ist Mitglied im Komitee für das 1400-Jahr-Jubiläum des Städtchens am Clos du Doubs. Die Stufen sind hoch, einzelne mit Moos überwachsen, auf den Zwischenabsätzen sammelt sich Wasser vom morgendlichen Regen.

«Wir belassen das bewusst schlicht», erläutert Charmillot, «andernorts hätte man das vielleicht ausgebessert», sagt er und zeigt auf das Moos und die Wasserpfützen. In St-Ursanne wolle man nur sanft restaurieren.

«Gibt es in St-Ursanne noch Wunder?»

Die Grotte, in der Ursicinus gelebt haben soll, befindet sich in einem Felsen direkt über der Stadt. Bevor er sie betritt, hebt Charmillot eine Postkarte auf, die am Boden liegt. Es ist eine jener Karten, die zum Jubiläum erstellt wurden. Darauf aufgedruckt sind verschiedene Fragen, die zum Nachdenken anregen sollen. «Gibt es in St-Ursanne noch Wunder?», lautet die vorliegende. «Ich bin der lebendige Beweis dafür – Michel», steht von Hand als Antwort darauf. Charmillot zeigt die Karte wie ein Beweisstück, als wollte er sagen: «Genau darum geht es bei diesem Jubiläum.»

In der Grotte befindet sich hinter einem Metallgitter ein Altar mit einer Marienstatue, davor steht die Skulptur eines offenen Buches – eine Bibel. Darunter in einer Felsnische eine Statue des liegenden Heiligen, der den Kopf auf die rechte Hand stützt. Rechts davor die Statue eines Bären, der auf den Hinterbeinen steht.

Prioritäten setzen

«Der Legende nach soll ein Bär den Esel gefressen haben, den der Heilige, der als Wandermönch hierher kam, mit sich führte», erläutert Charmillot. Daraufhin habe dieser zum Bären gesagt: «Jetzt musst du mir als Gehilfe dienen.» Aus dem lateinischen «ursus» (Bär) entstand der französische Name Ursanne, auf Deutsch Ursicinus.

«Ich komme ab und an zur Grotte hoch und bete zum heiligen Ursicinus, bitte ihn um Unterstützung bei den Vorbereitungen zum Jubiläum», so Charmillot. Für ihn steht die spiritu-elle Dimension des Jubiläums im Vordergrund. «Ursicinus hat sein Leben ganz auf Gott ausgerichtet.» In Zeiten der Verzettelung, wie wir sie heute kennen, könne die Beschäftigung mit dem Eremiten helfen, «Prioritäten zu setzen und das Puzzle unseres Lebens neu zu ordnen».

Philippe Charmillot ist Diakon in der Pfarrei St-Ursanne, die Teil des Pastoralraums Saint-Gilles – Clos du Doubs ist. Zum Pastoralraum gehören rund 3500 Katholikinnen und Katholiken.

Philippe Charmillot ist Diakon in der Pfarrei St-Ursanne, die Teil des Pastoralraums Saint-Gilles – Clos du Doubs ist. Zum Pastoralraum gehören rund 3500 Katholikinnen und Katholiken. Foto: Jean-Claude Gadmer

Der Grundstein zum Kloster von St-Ursanne wurde von den Anhängern des heiligen Ursicinus gelegt.

Der Grundstein zum Kloster von St-Ursanne wurde von den Anhängern des heiligen Ursicinus gelegt. Foto: Jean-Claude Gadmer

Denkmal in der Grotte, in der Ursicinus gelebt haben soll.

Denkmal in der Grotte, in der Ursicinus gelebt haben soll. Foto: Jean-Claude Gadmer

Wer das Eremitendasein für 14 Stunden erproben möchte, kann sich in den Sommermonaten für eine Nacht in der kleinen Kapelle einschreiben, die direkt unterhalb der Grotte liegt.

Wer das Eremitendasein für 14 Stunden erproben möchte, kann sich in den Sommermonaten für eine Nacht in der kleinen Kapelle einschreiben, die direkt unterhalb der Grotte liegt. Foto: Jean-Claude Gadmer

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Kein zweiter Niklaus von Flüe

Charmillot geht davon aus, dass Evangelisierung nicht das Ziel von Ursicinus war. «Er suchte ein Leben in Einsamkeit und Innerlichkeit.» Hierin ist er also durchaus dem Eremiten aus der Zentralschweiz, Niklaus von Flüe (1417–1487), verwandt. Anders als im Ranft sei jedoch nicht überliefert, dass Menschen zu dem Eremiten am Clos du Doubs gepilgert wären und ihn um Rat gefragt hätten.

Jetzt aber kommen Touristen, um die Einsiedelei zu besuchen. Denn für das Jubiläumsjahr haben sich die «Ursiniens» viel vorgenommen: Mit Konzerten, Kunstausstellungen, Tagungen, Pilgerreisen, Erzählungen und Theaterstücken soll ein möglichst breites Publikum angesprochen werden. Um die Bevölkerung einzubeziehen, wurden die örtlichen Vereine und Schulen eingeladen, einen Beitrag zum Jubiläum zu leisten.

Eremit für 14 Stunden

Eines der Angebote, die das Organisationskomitee in einer Broschüre und auf der Website zusammengestellt hat, ist eine Übernachtung in der kleinen Kapelle, die direkt unterhalb der Grotte liegt. Auf dem Weg zurück in die Stadt öffnet Charmillot diese und erzählt, dass auch er ab und zu eine Nacht hier verbringe. Wer das Eremitendasein für 14 Stunden erproben möchte, kann sich in den Sommermonaten für eine Nacht einschreiben. In der Kapelle werden ein Bett und ein kleiner Schreibtisch stehen. «Es gibt jedoch kein Wasser, keinen Strom, keine Toilette», warnt Charmillot.

Zurück in der Stadt, führt Charmillot die Besucher durch den eindrucksvollen Kreuzgang zum Lapidarium, wo die erste Kirche von
St-Ursanne stand, die Peterskirche. In den Bo-den sind Gitter eingelassen, sodass die darunter liegenden Sarkophage aus der Merowinger- und Karolingerzeit sichtbar sind. Beim Verlassen des Lapidariums weist Charmillot auf das Tatzenkreuz über dem Eingang hin. «Es ist das älteste christliche Zeichen, das man im Kanton Jura gefunden hat», erklärt er nicht ohne Stolz. «Man vermutet, dass es von einem Sarkophag stammt und später hier eingesetzt wurde.»

Tympanon aus dem 12. Jahrhundert

Auf dem Weg in die romanische Stiftskirche, die Collégiale, weist Charmillot auf das Tympanon über dem Südportal hin, ein eindrückliches Werk aus dem 12. Jahrhundert. Es zeigt den thronenden Christus, umgeben von den Aposteln Petrus und Paulus sowie sieben Engeln. Der Mönch links zu seinen Füssen, erkennbar an der Tonsur, sei Ursicinus. Charmillot wüsste noch viel zu erzählen, wie er selber schmunzelnd sagt, beschränkt sich dann aber auf die Erläuterung eines Kapitells. Dieses zeigt einen Wolf, der auf dem Weg zur Schule durch das Auftauchen eines Lammes abgelenkt wird. «Damit wird verdeutlicht, dass ein Leben gemäss dem Evangelium manchmal gegen die eigene Natur geht.»

1507 letztmals geöffnet

Der kurze Rundgang endet in der Krypta unterhalb der Stiftskirche. Hier befand sich früher der Sarkophag, der dem heiligen Ursicinus zugeschrieben wird. Heute befindet sich dieser hinter dem Hauptaltar und ist für Besucher zugänglich. Er bleibt allerdings vorderhand verschlossen.

«1507 wurde der Sarkophag letztmals geöffnet», erzählt Charmillot. Er hofft, dass der Sarkophag nach Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2021 erneut geöffnet und einer Analyse unterzogen werden kann, um völlige Transparenz über das darin enthaltene Skelett zu erhalten. Für das Jubiläumsjahr, sagt er, «wollen wir das Geheimnis bewahren».

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Der heilige Ursicinus – Fakten und Legenden

 

Der Kult des heiligen Ursicinus (französisch St-Ursanne) ist im Jura seit dem letzten Drittel des 7. Jahrhunderts belegt. Eine glaubhafte Überlieferung sieht in Ursanne einen Schüler des heiligen Kolumban, der als Eremit am Ufer des Doubs lebte und dort auch gestorben sein soll, heisst es im Historischen Lexikon der Schweiz. Demnach soll der heilige Wandregisel um 630 auf einer Reise an Ursannes Grab ein Kloster gegründet haben. Die Klostergemeinschaft wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts in das weltliche Chorherrenstift St-Ursanne umgewandelt. Archäologisch nachgewiesen sind am Ort des Klosters Särge aus dem 7. Jahrhundert, die – wegen des Glaubens an die Auferstehung – nach Osten ausgerichtet waren. In der Krypta der Stiftskirche befindet sich ein Sarkophag, der dem heiligen Ursicinus zugeschrieben wird.

 

Gemäss nicht gesicherter Überlieferung kam Ursicinus mit dem heiligen Kolumban von Irland nach Frankreich und lebte dort im Kloster Luxeuil. Mit Kolumban und Gallus sei er in die Schweiz gezogen und zuerst nach Biel gekommen, heisst es im ökumenischen Heiligenlexikon. Um 615 soll er sich in einer Einsiedelei oberhalb des heutigen Städtchens St-Ursanne in einer Höhle niedergelassen haben, wo ihn ein Bär regelmässig mit Kräutern und Wurzeln versorgt habe. Der Name «Ursicinus» leitet sich vom lateinischen «ursus» (Bär) ab. Ursicinus habe eine Schar von Jüngern angezogen, die auch nach seinem Tod dort blieben.

Text: Silvia Stam, kath.ch

St-Ursanne portraitiert von www.dasschoenstedorf.ch


 

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Highlights im Jubiläumsjahr

• Schatz der Stiftskirche

Ausstellung von ausgewählten Objekten aus dem Schatz der Stiftskirche. Aus den rund 400 Objekten wurden laut Diakon Philippe Charmillot sechs ausgewählt, die in Zusammenhang mit Frömmigkeit oder Gebet stehen.

• Skulpturenweg

Auf einer Länge von knapp einem Kilometer werden zehn hölzerne Skulpturen aufgestellt, welche vier bekannte Legenden aus dem Leben von Ursicinus illustrieren.

• «Circuit secret»

Ein «Geheimer Rundgang» führt zu 20 Stationen innerhalb der Stadt, darunter private Räume, die normalerweise nicht zugänglich sind.

Alle Veranstaltungen unter www.ursanne1400.ch