Was ich einmal war ...

Tatjana Disteli

«Biomedizinische Analytikerin HF» laute die Berufsbezeichnung heute, erklärt Tatjana Disteli am Telefon.

Als sie sich vor 33 Jahren für einen Berufsweg im weissen Medizinalkittel inmitten von Reagenzgläsern und Pipetten entschied, begann sie eine Lehre als «medizi-nische Laborantin». Naturwissenschaften – insbesondere Biologie, Chemie, Physik – und mittendrin der Mensch waren schon immer ihre Leidenschaft. Die Ausbildung durchlief sie im Kantonsspital Aarau. Danach arbeitete sie sieben Jahre in ihrer Heimatstadt Olten.

«Die Arbeit am Mikroskop, die Analyse von Blut faszinierte mich», erinnert sie sich. «Herauszufinden, was nicht stimmt in der Biochemie eines Patienten, glich oft einer Detektivarbeit.» Es sei ein Beruf im Hintergrund, ohne den die Medizin nicht funktionieren würde: «Die Ärzte stützen ihre Diagnose auf Laborwerte – auch während der Corona-Krise.»

Die Affinität zur Medizin liegt in ihrer Familie: Ihr Vater wollte Arzt werden – und ihre Grosstante war in den 40er Jahren eine der ersten Laborantinnen der Schweiz.

Als Laborantin erlebte Tatjana Erstaunliches: «Schwerkranke Patienten erzählten mir oft in den drei Minuten der Blutabnahme ihr halbes Leben.» Stets nahm sie sich Zeit, das Gespräch zu Ende zu führen: «Schliesslich ging es um eine existentielle Notsituation.» Als sie eines Nachts ans Bett einer sterbenden Patientin geholt wurde, war klar: «Meine Berufung sollte fortan die Begleitung von Menschen sein.»

Tatjana Disteli begann Theologie zu studieren, um sich auf ihre Aufgabe als Spitalseelsorgerin vorzubereiten. Im Glauben habe sie seit Kindheit Kraft und Trost gefunden: «Er ist meine wichtigste Ressource. Er ist Weite und Befreiung.» So war auch ihr Umfeld über den Berufswechsel nicht erstaunt: «Während meines Englandaufenthaltes haben mich die Lehrer lächelnd ‹little pope› genannt, weil ich den Gottesdienst besuchte …»

Päpstin ist Tatjana Disteli nicht geworden. Dafür hat sie in der Zürcher Kirche Verantwortung übernommen: Nach zwölf Jahren am Krankenbett wechselte sie vor fünf Jahren in die Führung, erst als Dienststellenleiterin Spital- und Klinikseelsorge, nach der Ausbildung Non-Profit-Management seit einem Jahr als Bereichsleiterin. Eine stimmige Entwicklung: «Nun begleite ich die Seelsorgenden der Spezialseelsorge. Ihr Wirken ist für Gesellschaft und Kirche immens wichtig. Sie vermitteln Gottespräsenz im Alltag.»

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Nicht nur nach Rom führen viele Wege, sondern auch zur Theologie. Wir porträtieren in loser Folge Seelsorgerinnen und Seelsorger im Kanton Zürich, die zuvor einen anderen Beruf erlernt haben.

Tatjana Disteli ist Bereichsleiterin Seelsorge Gesundheitswesen und Inklusion / Ökumenische Seelsorge.