Gleichnisse aktuell

Der Fischer und seine Frau

1947 schrieb der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck die Novelle «Die Perle».

Die knapp hundert Seiten dünne Saga spielt in Mexiko und erzählt von dem verarmten indianischen Fischer Keno, seiner Frau Juana und ihrem Sohn Coyotito. Auf See fängt Keno eines Tages eine Auster, die eine wunderschöne Perle enthält: «Und da lag die grosse Perle, glänzend wie der Mond, vor ihm. Sie fing das Licht ein und strahlte es gereinigt, silbern und glühend wieder zurück. Sie war die grösste Perle der Welt.» Dieser Moment verändert Kenos Leben. Dinge, von denen er nicht zu träumen gewagt hatte, scheinen in greifbarer Nähe: eine kirchliche Trauung mit Juana, eine neue Harpune, eine Schulbildung für Coyotito. Doch leider weckt die wunderschöne Perle auch niedere Instinkte von Menschen in Kenos Umgebung. Als eine Kugel aus Kenos Gewehr nicht nur seinen Verfolger, sondern versehentlich auch sein eigenes Kind trifft, besiegelt der schimmernde Schatz, auf den sich alle Hoffnungen gerichtet hatten, das Schicksal des Fischers und seiner Frau. Traurig und verbittert wirft Keno im hohen Bogen die Perle ins Meer zurück.

Ich verstehe Steinbecks Novelle als Gleichnis. Wie das Gleichnis von der Perle im Matthäusevangelium öffnet es für einen Moment ein Fenster in eine andere Welt. Wie für den Fischer Keno richten sich auch für den Kaufmann in der Bibel sämtliche Hoffnungen auf eine Perle, für die er alles verkauft. Während das Gleichnis von Steinbeck traurig ausgeht, bleibt bei Matthäus das Ende offen. Interessant am Neuen Testament ist die Erzählzeit, denn das Gleichnis spielt in der Gegenwart. Für Menschen, die an Gott glauben, ist die Hoffnung keine abstrakte Vertröstung auf eine ferne Zukunft. Das Reich Gottes ist vielmehr hier und jetzt. Auch wenn wir jeden Tag erleben, dass das Himmelreich auf Erden noch lange nicht vollkommen ist: Es gibt doch Begegnungen, Erfahrungen und eben auch Geschichten, die für einen Moment die Welt verändern. In diesen Momenten steht das Fenster in die andere Welt des Reiches Gottes offen. Wenn unser Gesicht dann strahlt, wie im Schein einer wunderschönen Perle, dann können auch wir die Welt verändern.

Text: Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur