Editorial

Die Lust, den Dingen auf den Grund zu gehen

Seit es Menschen gibt, rätseln sie: über das Orakel von Delphi und das «Wow!»-Signal aus dem All – oder einfach über die passenden Buchstaben eines Kreuzworträtsels.

Raten Sie mal: «Es gibt sieben Häuser, in jedem Haus wohnen sieben Katzen. Jede Katze frisst sieben Mäuse, von denen wiederum jede sieben Kornähren gefressen hat. In jeder Ähre sind sieben Samen. Wie viele Objekte sind es?»* Das ist nicht etwa eine Textaufgabe aus einem Mathematikbuch, sondern eines der ältesten Rätsel der Welt – und für eine Katzenliebhaberin wie mich natürlich das unangefochtene Lieblingsrätsel. Der Ägyptologe Alexander Henry Rhind fand es 1858 auf einer ägyptischen Papyrusrolle. Das Dokument stammt circa aus dem Jahr 1550 v. Chr., und der Verfasser sagt, das Rätsel selbst sei noch älter.

Seit ewigen Zeiten sind Menschen von guten Rätseln fasziniert. Es ist die Lust des Jägers, ursprünglich und tief in uns schlummernd, die uns dazu bringt, Spuren und Hinweise zu verfolgen, Dingen auf den Grund zu gehen, Geheimnisse zu lüften. Fast wie ein Zwang ist es. Auch Krimis funktionieren nach diesem Prinzip, und sogar jemand, der das Genre nicht mag, kann die eine, wesentliche Frage nicht ganz aus seinem Bewusstsein verdrängen: «Und, wer war’s?»

Das Wort Rätsel selbst erlangte durch die Lutherbibel gemeinsprachliche Bedeutung und ist seit dem 16. Jahrhundert als «rœtsel» bezeugt. Es stammt vom Verb raten im Sinne von erraten, deuten und ist auch im englischen Verb to read zu finden, was ursprünglich Runen deuten bedeutete.

Doch Achtung: Rätsel – allen voran Kreuzworträtsel und Sodokus entwickeln Suchtpotenzial. Aus dem anfänglichen Bestreben, leere Kästchen zu füllen, steigern sich «Rätslerin» und «Rätsler» in ein furioses Endspiel hinein: Die letzten Kästchen werden immer schneller ausgefüllt, es gibt jedes Mal einen Ausstoss an Glückshormonen, sodass das Gehirn auf den Triumph sofort mit Entzugserscheinungen reagiert: Wo ist das nächste Rätsel?

Text: Pia Stadler