Narrenschiff

Ich kenne dich nicht …

Im «Handbuch für Liebesfilme, die Publikumserfolg garantieren» ist unter dem Stichwort «Rätsel» vermerkt: «Es ist absolut notwendig, dass jede Liebesbeziehung mit einem Rätsel beginnt.

Die rätselhafte Frau und der rätselhafte Mann wecken Interesse und Begehren. Sie verleihen dem Plot Drive und ziehen das Publikum in Bann. Rätsel funktionieren immer!»

Dazu im Widerspruch steht anscheinend der Eintrag unter «Geheimnis»: «Verbirgt die Frau oder der Mann in einer Liebesbeziehung ein Geheimnis, so wird darin das Ende der Beziehung angelegt oder mindestens ein dramatischer dritter Akt. Das Geheimnis deutet an, dass eine Figur zu einer ehrlichen und dauerhaften Beziehung nicht bereit ist. Das Publikum kann subtil auf diese Krise vorbereitet werden, wenn im ersten Akt beiläufig der Schwur ‹keine Geheimnisse!› eingeflochten wird. Geheimnisse sind für Beziehungen tödlich!»

An diese Theorie hält sich das Leben in seiner Praxis selbstverständlich nicht. Eine Beziehung, in der fortwährend Rätsel aufgetischt werden, eine solche Beziehung bewahrt dadurch nicht dauerhaft ihre Lebendigkeit, sondern wird auf Dauer nur extrem ermüdend. Wo man sich gegenseitig ständig Wünsche von den Augen raten lässt, anstatt sie frei heraus zu verraten, da werden aus verspielten Elfen und tiefgründigen Faunen allzu bald nervtötende Fragezeichen.

Auch das Geheimnis hält sich nicht ans Drehbuch. Im Gegenteil, es ist für eine andauernde Beziehung überlebenswichtig. Sollte in einer Liebesbeziehung jemals die absolute Transparenz ausbrechen und die totale Geheimnislosigkeit herrschen, dann geht die Liebesbeziehung unaufhaltsam ihrem Ende entgegen – falls sie nicht schon längst klinisch tot ist.

Um diese Umkehrung der gängigen Liebesdramaturgie zu verstehen, muss man verstehen, dass das Rätsel beim Sender entsteht und das Geheimnis beim Empfänger. Rätsel werden an den Partner gestellt. Sie sind Aufgaben, die es zu erfüllen gilt. Das ist oft tatsächlich reizvoll. Wer jedoch damit überhäuft wird, der wird zum Liebhaber auf Probe – auf immer und ewig im Herzblatt gefangen.

Das Geheimnis dagegen entsteht beim Empfänger. Es wird nicht vom Sender gewollt, sondern vom Empfänger empfunden. Es steckt im Staunen, im nie verschwindenden Entzücken, auch im aufflammenden Ärger. Das Geheimnis meines Partners besteht in meiner Einsicht, dass ich ihn nie ganz durchschauen werde, dass da immer etwas sein wird, das ich noch nicht entdeckt habe. Und sollte ich dennoch irgendwann glauben, alles entdeckt zu haben, dann werde ich ganz schnell damit anfangen, all das vermeintlich bereits Entdeckte auf ein Neues zu entdecken.

Text: Thomas Binotto