Leben in Beziehung

Eisbär-Gebet

Als die Jugendliche die Begriffe «Eisbär», «Kokosnuss» und «Strand» liest, stockt sie. «Aus diesen Begriffen soll ich ein Gebet verfassen?», fragt sie mich, «unmöglich!»

Viele junge Menschen tun sich schwer, persönliche Gebete zu formulieren: Entweder sie bleiben stumm, aus Angst sich zu blamieren. Oder sie imitieren Gebete von Erwachsenen, um ja keinen Fehler zu machen.

Das Resultat ist oft ein Text mit vielen «frommen» Begriffen, theologisch zwar korrekt, aber total unpersönlich, unkonkret und nichtssagend.

Viele Jugendliche kennen nur Kindergebete und die Gebete aus dem Gottesdienst – alles andere als geeignete Vorbilder. Sie hatten nie die Gelegenheit, eine eigene Gebetssprache zu «trainieren». Dabei ist das Gebet ein zentrales Medium, um mit Gott in eine Beziehung zu treten: Ich kann im Gebet mit ihm Kontakt aufnehmen und mich ihm gegenüber öffnen. Ich kann mich mit all meinen Erfahrungen an ihn wenden.

Meine Gebetspraxis ist ein Spiegel für meine Beziehung zu Gott. Ich erinnere mich an eine Schülerin, die Gott in ihrem Gebet mit «Sie» ansprach. Jugendliche und Beten? Oft Fehlanzeige. Dass sie nicht beten, liegt oft nicht am mangelnden Willen, sondern am fehlenden Wissen, wie vielfältig und kreativ das Gebet sein kann. Denn ist nicht gerade das der Luxus des christlichen Gebets: Ich muss mich nicht an irgendwelche Vorgaben oder Formeln halten, ich kann so beten, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

Wenn ich mit Jugendlichen zum Thema Beten arbeite, mache ich das oft mit Methoden aus dem Kreativen Schreiben. Die Jugendlichen werden motiviert, alles, was sie beschäftigt, aufs Papier zu bringen. Ganz spontan, ganz ohne Filtern und Zensur. Erst wenn das Blatt voll ist, geht es darum, aus den Ideen ein Gebet zu formulieren. Und plötzlich sind die Gebete total konkret und alltagsbezogen.

So ging es auch der Jugendlichen mit den Begriffen «Eisbär», «Kokosnuss» und «Strand». Sie hat ein witziges und poetisches Gebet geschrieben – über die Schöpfungsbewahrung und für alle Menschen, die nächstens am Strand ihre Ferien verbringen.

Text: Stephan Sigg, leitender Redaktor Pfarreiforum – Pfarrblatt im Bistum St. Gallen