Impuls zum Kirchenjahr

Mit Maria on- und offline

Internet und Social Media faszinieren mich. Doch ich bin froh, dass es auch reale Begegnungen gibt. Das Evangelium, das wir im Gottesdienst am Fest der Aufnahme Marias in den Himmel hören (Lukas 1,39–56), berichtet von solch einer Begegnung.

Maria twittert Elisabeth nicht, sie komme schnell vorbei. Und Elisabeth nimmt nicht mit einem Facebook-Bild, das sie im sechsten Monat zeigt, jede Neugierde vorweg. Gott sei Dank ist Maria persönlich bei Elisabeth vorbeigegangen, denn wir hätten sonst das Magnificat nicht, ihren Lobpreis im Lukasevangelium.

Dieses Lied setzt die Leserinnen und Leser des Evangeliums durchaus online, denn es lässt sie unmittelbar am Geschehen teilhaben. Zum Beispiel indem es mitteilt, dass Maria bei der Geburt des Johannes des Täufers dabei war. Denn darum blieb sie wohl drei Monate bei Elisabeth.

Ein Instagram-Filmchen vom freudigen Zusammensein von Mutter und Sohn hat uns Maria keines zurückgelassen, aber Worte des Glücks und der Hoffnung. So gibt uns das Evangelium einen Einblick in den Alltag Marias. Aber die Bibel geht auch offline, distanziert uns von diesem Alltag und schenkt uns einen Blick auf die zeitlose Ver-heissung Gottes: «Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter» (Lukas 1,48). Als Gläubige dürfen wir immer wieder online gehen, um das Alltägliche mit den Augen Gottes zu sehen, dazwischen aber auch offline, um uns unterwegs nicht zu verlieren.

Ist der Himmel, in den Maria eingeht, eine reine Offline-Vision auf eine uns entfernte Himmelskönigin? Maria wird oft mit einer Krone dargestellt. «Krone» heisst lateinisch corona – und eröffnet damit einen aktuellen Online-Blick auf Maria. Ihre corona zeigt nämlich, dass sie viel von Distanz und Entfremdung versteht. Unter dem Kreuz ist bei ihr alles in Gefahr, gebrochen zu werden: ihre Liebe, die Nähe zu ihrem Sohn.

Und wie reagiert Jesus darauf? Er will nicht, dass seine Mutter stehen bleibt. Er will, dass sie Distanz abbaut und sich des Jüngers annimmt, den er liebt (Johannes 19,26). Das Eingehen Marias in den Himmel Gottes fordert uns auf, auch in Corona-Zeiten nicht stehenzubleiben. Vielmehr ist der Himmel die Perspektive, aus der wir immer wieder online gehen können: Wir können und sollen Distanzen abbauen und so Gottes Liebe im Alltag aufscheinen lassen – auch in Corona-Zeiten.

 

Text: Abt Urban Federer

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Der 1968 geborene und in Zürich aufgewachsene Urban Federer ist seit 2013 Vorsteher der Benediktinerabtei Einsiedeln. Im Paulusverlag ist von ihm eine Sammlung mit Meditationen zum Kirchenjahr unter dem Titel «Quellen der Gottesfreundschaft» erschienen.